Hortungsstörung
In der klinischen Psychologie ist die Hortungsstörung (engl. Hoarding Disorder) seit der Einführung des DSM-5 und der ICD-11 eine eigenständige Diagnose. Lange Zeit wurde sie fälschlicherweise nur als Unterform der Zwangsstörung betrachtet (s.u.).
Die drei Kernsymptome
Um die Diagnose einer Hortungsstörung zu stellen, müssen nach klinischen Leitfäden drei Merkmale gleichzeitig vorliegen:
- Schwierigkeiten beim Wegwerfen:
Eine anhaltende Unfähigkeit, sich von Besitztümern zu trennen, völlig unabhängig von deren realem Geldwert. - Starker Drang zum Aufbewahren:
Der Versuch, Dinge wegzuwerfen, löst massives psychisches Unbehagen, Angst oder sogar Schmerz aus. - Zustellung der Wohnflächen:
Die Ansammlung von Gegenständen führt dazu, dass Wohnräume nicht mehr bestimmungsgemäß genutzt werden können (z. B. kann man in der Küche nicht mehr kochen oder im Bett nicht mehr schlafen).
Psychologische Erklärungsansätze (Ätiologie)
Warum entwickeln Menschen dieses Verhalten? Die Psychologie blickt hier auf ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren:
Kognitive Defizite (Informationsverarbeitung)
Betroffene zeigen oft Auffälligkeiten in den exekutiven Funktionen:
- Kategorisierungsprobleme:
Es fällt ihnen schwer, Dinge in „wichtig“ und „unwichtig“ zu unterteilen. Alles scheint gleich bedeutsam. - Entscheidungsunfähigkeit:
Die Wahl, was bleiben darf und was gehen muss, überfordert das Gehirn und führt zu „Entscheidungslähmung“. - Gedächtnisangst:
Viele horten aus Angst, Informationen oder Erinnerungen zu verlieren, wenn der Gegenstand weg ist.
Emotionale Bindung
Die Gegenstände dienen oft als Ersatz für soziale Sicherheit. Sie werden anthropomorphisiert (ihnen werden menschliche Gefühle zugeschrieben: „Das Buch fühlt sich allein, wenn ich es weggebe“). Die Dinge fungieren als Puffer gegen Einsamkeit oder traumatische Verlusterfahrungen in der Vergangenheit.
Überzeugungen über Besitztümer
Es herrscht eine übersteigerte Verantwortung gegenüber Objekten vor („Das könnte man noch reparieren“, „Das wäre Verschwendung“). Dies ist oft mit einem hohen Maß an Perfektionismus gekoppelt.
Abgrenzung: Hoarding vs. Sammeln vs. Messie-Syndrom
Es ist wichtig, diese Begriffe psychologisch sauber zu trennen:
- Sammeln:
Ist zielgerichtet, organisiert und bereitet Freude. Die Sammlung schränkt den Wohnraum nicht ein. - Hortungsstörung:
Ist desorganisiert, löst Scham aus und führt zu massiven Funktionseinschränkungen im Alltag. - Messie-Syndrom:
Ein eher umgangssprachlicher Begriff. In der Psychologie beschreibt er oft Menschen, die aufgrund von Strukturproblemen (z. B. bei ADHS oder Depression) den Alltag nicht bewältigen, aber nicht zwingend einen Drang zum aktiven Horten haben.
Therapie und Intervention
Einfaches „Aufräumen“ durch Dritte ist fast immer kontraproduktiv und führt oft zu einer Verschlechterung der Symptomatik oder zu traumatischen Reaktionen.
Erfolgreiche Therapieansätze (KVT):
- Motivationsklärung:
Warum will der Patient etwas ändern? (z. B. um wieder Enkelkinder empfangen zu können). - Expositionstraining:
Gemeinsames Sortieren und Entsorgen unter therapeutischer Begleitung, um die aufkommende Angst auszuhalten, ohne sie durch „Behalten“ zu neutralisieren. - Kognitive Umstrukturierung:
Hinterfragen der magischen Überzeugungen über Gegenstände. - Fertigkeitentraining:
Erlernen von Methoden zur Organisation und zum Zeitmanagement.
Sonderform: Animal Hoarding
Eine besonders schwere Form ist das Sammeln lebender Tiere. Hier fehlt den Betroffenen oft die Einsicht, dass sie die Tiere vernachlässigen. Psychologisch gesehen liegt hier oft eine Bindungsstörung vor, bei der Tiere als einzige loyale Partner wahrgenommen werden.
Abgrenzung zur Zwangsstörung
Die präzise Abgrenzung zwischen der Hortungsstörung und der Zwangsstörung (OCD) ist entscheidend, da ihre Behandlungen völlig unterschiedliche therapeutische Strategien erfordern. Obwohl beide unter der Kategorie „Zwangsspektrum-Störungen“ laufen, sind sie psychologisch grundverschieden.
Hier sind die vier zentralen Unterscheidungsmerkmale:
1. Ich-Dystonie vs. Ich-Syntonie (Das Erleben)
Dies ist das wichtigste Kriterium für Therapeuten:
-
Zwangsstörung (Ich-dyston):
Der Patient erlebt seine Zwangsgedanken als fremd, störend und sinnlos. Er möchte die Dinge eigentlich nicht behalten, fühlt sich aber durch eine quälende Angst dazu gezwungen. Er leidet unter dem Zwang. -
Hortungsstörung (Ich-synton):
Der Betroffene erlebt seine Gedanken als stimmig und sinnvoll. Die Überzeugung, dass ein Gegenstand wichtig oder nützlich ist, fühlt sich für ihn „richtig“ an. Er leidet meist nicht unter dem Horten selbst, sondern erst unter den Konsequenzen (Platzmangel, Konflikte).
2. Emotionale Qualität (Angst vs. Bindung)
Die emotionale Motivation hinter dem Verhalten unterscheidet sich grundlegend:
-
Zwangsstörung:
Hier regiert die Angstvermeidung. Der Patient behält Dinge, um eine eingebildete Katastrophe zu verhindern (z. B. „Wenn ich den Kassenbon wegwerfe, wird meine Familie krank“). Es ist ein angstgetriebener Schutzmechanismus. -
Hortungsstörung:
Hier regiert die positive Bindung oder Trauer. Die Gegenstände werden als Teil der Identität, als Erinnerungsanker oder als potenzielle Ressource gesehen. Das Wegwerfen wird nicht als Angst, sondern als schmerzhafter Verlust empfunden.
3. Symmetrie und Ordnung
Das äußere Erscheinungsbild der Wohnung gibt oft einen Hinweis:
-
Zwangsstörung:
Wenn Zwangsgestörte horten, tun sie dies oft extrem systematisch. Die Dinge sind oft nach strengen Regeln sortiert, beschriftet oder symmetrisch angeordnet (z. B. Stapel von Zeitungen, die exakt bündig liegen). -
Hortungsstörung:
Es herrscht Desorganisation. Die Gegenstände sammeln sich in „Clutter“ (unstrukturierten Haufen) an. Es gibt kein erkennbares System, und die Funktionalität der Räume geht verloren.
4. Die neurobiologische Reaktion
In fMRT-Studien zeigt sich bei Entscheidungen ein signifikanter Unterschied:
-
Zwangsstörung:
Zeigt oft eine Fehlfunktion in den Basalganglien (Gewohnheitsschleifen). Es ist eher ein Problem des „Nicht-Aufhören-Könnens“. -
Hortungsstörung:
Zeigt eine Überaktivität in der Insula (emotionaler Schmerz) und im Anteriore Cingulären Kortex (Relevanzprüfung). Das Gehirn des Horters wertet den „Müll“ fälschlicherweise als hochrelevant und reagiert auf das Wegwerfen wie auf eine physische Verletzung.
Zusammenfassung der Unterschiede
| Merkmal | Zwangsstörung (OCD) | Hortungsstörung |
| Einsicht | Meist hoch (Patient weiß, dass es absurd ist). | Meist gering bis fehlend. |
| Gefühl beim Erwerb | Neutral bis belastend. | Oft beglückend („Kick“ beim Finden). |
| Ziel des Verhaltens | Angstreduktion. | Werterhalt / Schmerzvermeidung. |
| Therapieansatz | Angstkonfrontation (ERP). | Entscheidungstraining & Trauerarbeit. |