Epigenetik

Unter Epigenetik versteht man in der Biologie das Bindeglied zwischen Umwelteinflüssen und unseren Genen. Das Wort leitet sich vom griechischen epi (dazu, darüber) ab.

Man kann es sich so vorstellen: Die DNA ist wie die Hardware (das festgeschriebene Kochbuch), aber die Epigenetik ist die Software (die Markierungen im Buch, die bestimmen, welche Rezepte gerade gekocht werden und welche Seiten „zugeklebt“ bleiben).

Was passiert da genau?

Epigenetische Mechanismen verändern nicht den genetischen Code (die Abfolge der Basen A, C, G, T) selbst, sondern bestimmen deren Aktivität. Die wichtigsten Werkzeuge sind:

  • DNA-Methylierung:
    Chemische „Stoppschilder“ (Methylgruppen) setzen sich an die DNA und schalten Gene stumm.
  • Histon-Modifikation:
    Die Spulen, um die die DNA gewickelt ist (Histone), werden enger oder lockerer gezogen. Ist es zu eng, kann das Gen nicht gelesen werden.

Die Rolle in der Psychologie

In der Psychologie hat die Epigenetik das alte Dogma „Anlage vs. Umwelt“ aufgelöst. Wir wissen heute: Umwelt verändert die Anlage.

Die Programmierung des Stresssystems

Frühkindliche Erfahrungen (Bindung, Trauma, Vernachlässigung) hinterlassen epigenetische Spuren. Ein klassisches Beispiel ist das Gen für den Glukokortikoid-Rezeptor (verantwortlich für den Abbau von Stresshormonen):

  • Bei hoher mütterlicher Fürsorge bleibt das Gen „offen“. Der Organismus kann Stress später gut regulieren.
  • Bei Stress oder Trauma in der Kindheit kann dieses Gen durch Methylierung „stummgeschaltet“ werden. Die Folge: Das Gehirn kann Stresshormone schlechter abbauen – die Person ist lebenslang stressanfälliger.

Transgenerationale Weitergabe

Ein faszinierendes (und erschreckendes) Feld ist die Weitergabe von traumatischen Erfahrungen an die nächste Generation. Studien an Nachkommen von Holocaust-Überlebenden oder Hungerwinter-Opfern deuten darauf hin, dass epigenetische Markierungen über die Keimzellen vererbt werden können. Die Kinder zeigen oft eine veränderte Stressbiologie, obwohl sie das Trauma selbst nicht erlebt haben.

Die Rolle in der Psychotherapie

Die wohl wichtigste Erkenntnis für die Psychotherapie lautet: Epigenetische Markierungen sind reversibel.

Psychotherapie als „biologische“ Intervention

Erfolgreiche Therapie (z. B. Verhaltenstherapie) wirkt nicht nur auf der Verhaltensebene, sondern kann nachweislich epigenetische Profile verändern. Durch neue, positive Erfahrungen und das Erlernen von Bewältigungsstrategien können „stummgeschaltete“ Gene (z. B. für die Stressregulation) wieder aktiviert werden.

Ressourcenorientierung

Anstatt zu sagen: „Ich bin eben so verdrahtet“, ermöglicht die Epigenetik ein dynamisches Selbstbild. Therapie hilft dabei, die „Software“ des Gehirns durch neue Lebensumstände und Lernprozesse neu zu programmieren.

Prävention

Da wir wissen, wie sensibel die epigenetische Programmierung in der frühen Kindheit ist, unterstreicht die Forschung die enorme Bedeutung von Früherkennung und Unterstützung für belastete Familien, um pathologische „Schalterstellungen“ gar nicht erst entstehen zu lassen.

Zusammenfassung

Bereich Einfluss der Epigenetik
Biologie Steuerung der Genaktivität ohne Änderung der DNA-Sequenz.
Psychologie Erklärung für die Kopplung von Umweltreizen und psychischer Disposition.
Psychotherapie Hoffnung auf Veränderbarkeit (Reversibilität) biologischer Narben.

Ein spannender Gedanke zum Schluss:
Wir sind nicht nur die Erben unserer Vorfahren, sondern auch die Gärtner unseres eigenen Genoms. Durch Sport, Ernährung, soziale Bindungen und eben Psychotherapie beeinflussen wir täglich, welche unserer Gene „leuchten“ und welche im Schatten bleiben.