Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (K-PTBS)

Die Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (K-PTBS) ist eine Diagnose, die erst vor kurzem offiziell in das internationale Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (ICD-11) aufgenommen wurde.

Während die klassische PTBS meist durch ein einzelnes Ereignis (z. B. ein Unfall) ausgelöst wird, entsteht die K-PTBS durch andauernde oder wiederholte Traumatisierungen, aus denen die Person nicht fliehen konnte. Typische Ursachen sind jahrelange Kindheitsmisshandlungen, Vernachlässigung, häusliche Gewalt oder Gefangenschaft.

Das „Symptom-Plus“-Modell

Die K-PTBS umfasst alle Kernsymptome der klassischen PTBS (Wiedererleben, Vermeidung, Übererregung) und ergänzt diese um drei zusätzliche Bereiche, die man als Störungen der Selbstorganisation (DSO) bezeichnet:

  • Affektive Dysregulation:
    Betroffene haben massive Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu steuern. Dies äußert sich in heftigen Wutausbrüchen, langanhaltender emotionaler Taubheit oder der Unfähigkeit, sich nach Stress wieder zu beruhigen.
  • Negatives Selbstkonzept:
    Es besteht ein tief verwurzeltes Gefühl von Wertlosigkeit, Scham und Schuld. Viele Betroffene fühlen sich „beschädigt“ oder „falsch“ im Kern ihres Wesens.
  • Beziehungsstörungen:
    Aufgrund des tiefen Misstrauens (oft durch Verrat von Bezugspersonen in der Kindheit) fällt es extrem schwer, Nähe zuzulassen oder aufrechtzuerhalten. Beziehungen sind oft geprägt von Angst vor Ablehnung oder Verschmelzung.

Die psychologische Dynamik: „Strukturelle Dissoziation“

Bei der K-PTBS greift oft ein tiefgreifender Schutzmechanismus des Gehirns: die Dissoziation.

Da das Kind oder das Opfer der Situation nicht physisch entkommen konnte, ist es psychisch „weggegangen“.

  • In der Folge kann es zur Ausbildung unterschiedlicher Persönlichkeitsanteile kommen (Ego-States). Ein Anteil funktioniert im Alltag (der „Anscheinend Funktionierende Teil“), während ein anderer Anteil die traumatischen Gefühle wie Todesangst und Schmerz trägt („Emotionaler Teil“).
  • Dies erklärt, warum Betroffene sich oft „fragmentiert“ fühlen oder Blackouts haben, wenn sie getriggert werden.

Körperliche Folgen

K-PTBS ist nicht nur „im Kopf“. Chronisches Trauma führt zu einer dauerhaften Veränderung der HPA-Achse (Stresshormonsystem).

  • Der Körper ist ständig mit Cortisol und Adrenalin geflutet.
  • Dies erhöht langfristig das Risiko für Autoimmunerkrankungen, Herz-Kreislauf-Probleme und chronische Schmerzen. In der Longevity-Forschung weiß man heute, dass frühe traumatische Erfahrungen die Telomere (Schutzkappen der Chromosomen) verkürzen können, was das biologische Altern beschleunigt.

Therapieansätze

Die Behandlung einer K-PTBS ist meist langwieriger als bei einer einfachen PTBS und folgt einem Phasenmodell:

  1. Stabilisierung:
    Aufbau von Skills zur Emotionsregulation und Erdungstechniken (Grounding). Man lernt, im „Hier und Jetzt“ zu bleiben, wenn Flashbacks kommen.
  2. Trauma-Exposition:
    Erst wenn genug Sicherheit besteht, wird das Trauma vorsichtig bearbeitet (z. B. mit EMDR oder traumafokussierter KVT).
  3. Integration & Trauer:
    Die Auseinandersetzung mit dem Verlust der Kindheit oder der verlorenen Lebenszeit und der Aufbau eines neuen Selbstbildes.