Verdrängung
In der modernen Psychotherapie hat sich der Begriff der Verdrängung über das ursprüngliche Konzept von Sigmund Freud hinausentwickelt. Während Freud die Verdrängung primär als einen unbewussten Schutzmechanismus gegen „triebhafte Wünsche“ sah, betrachtet die heutige Psychologie sie funktionaler: als einen Prozess der Informationsverarbeitung und Emotionsregulation.
Was ist Verdrängung heute?
Heute spricht man eher von Vermeidung (experiential avoidance) oder Dissoziation. Es handelt sich um einen mentalen Prozess, bei dem belastende Gedanken, Gefühle oder Erinnerungen aus dem aktuellen Bewusstsein ausgeschlossen werden, weil sie das psychische System momentan überfordern würden.
- Adaptiv (Hilfreich):
Kurzfristig ermöglicht Verdrängung das Überleben in Krisensituationen (z. B. funktioniert man bei einem Unfall perfekt, ohne den Schmerz zu spüren). - Maladaptiv (Schädlich):
Langfristig binden verdrängte Inhalte psychische Energie. Das Gehirn muss ständig Ressourcen aufwenden, um den „Deckel auf dem Topf“ zu halten.
Der neurobiologische Mechanismus
Die moderne Forschung zeigt, dass bei starker Verdrängung oder Unterdrückung von Emotionen ein Konflikt im Gehirn entsteht:
- Präfrontaler Cortex:
Versucht, die Kontrolle zu behalten und das Gefühl zu unterdrücken. - Amygdala:
Bleibt dennoch hochaktiv. Da das Gefühl nicht verarbeitet („verdaut“) wird, sendet das limbische System weiterhin Alarmsignale, was sich oft in körperlichen Symptomen äußert.
Verdrängung und Psychosomatik
In der Psychosomatik wird dieser Zusammenhang zwischen Verdrängung und körperlichen Schmerzen unter dem Begriff Somatisierung oder Konversionsstörung untersucht. Die Grundidee ist simpel, aber biologisch komplex: Wenn die Psyche ein belastendes Gefühl nicht „verdauen“ kann, übernimmt der Körper die Kommunikation.
Das „Ventil“-Prinzip (Psychodynamik)
Man kann sich die psychische Energie wie Wasser in einem geschlossenen Rohrsystem vorstellen. Wenn ein belastendes Ereignis oder ein Konflikt (z. B. unterdrückte Wut auf den Partner oder Trauer) verdrängt wird, wird der „Hauptabfluss“ blockiert.
- Da die Energie jedoch vorhanden ist, sucht sie sich ein anderes Ventil.
- Häufig ist dieses Ventil die Muskulatur oder das autonome Nervensystem.
Die Neurobiologie
Bei chronischer Verdrängung gerät das Gehirn in einen dauerhaften Alarmzustand.
- Daueranspannung:
Wer Gefühle unterdrückt, spannt unbewusst oft bestimmte Muskelgruppen an (häufig Kiefer, Nacken oder Beckenboden). Über Monate führt diese Mikro-Anspannung zu einer Unterversorgung des Gewebes mit Sauerstoff (Ischämie) und schließlich zu Schmerzen. - Fehlsteuerung der Schmerzmatrix:
Das Gehirn nutzt für emotionalen Schmerz und körperlichen Schmerz teilweise die gleichen Areale (den Anterior Cingulate Cortex). Wenn emotionale Pein verdrängt wird, „feuert“ dieses Areal dennoch weiter und interpretiert die Signale fälschlicherweise als körperlichen Schmerz.
Typische Schmerzmuster bei Verdrängung
Bestimmte Körperregionen reagieren besonders sensibel auf verdrängte psychische Inhalte:
| Körperregion | Häufiger psychischer Hintergrund |
| Rücken (Lendenwirbel) | Überforderung, Gefühl der Last („zu viel auf den Schultern“). |
| Nacken / Schultern | Unterdrückte Wut oder Widerstand gegen Autoritäten. |
| Kiefer (CMD) | „Zähne zusammenbeißen“, unterdrückte Aggression oder das Unvermögen, etwas auszusprechen. |
| Magen / Darm | Angst, Unfähigkeit, Erlebnisse zu „verdauen“. |
Die Theorie von Dr. John Sarno (TMS)
Ein bekannter, wenn auch teils kontroverser Ansatz in der Schmerztherapie ist das Konzept des TMS (Tension Myositis Syndrome). Sarno postuliert, dass das Gehirn körperlichen Schmerz gezielt erzeugt, um uns von den eigentlich unerträglichen, verdrängten Emotionen abzulenken. Der Schmerz fungiert als Ablenkungsmanöver, damit wir uns mit dem Rücken beschäftigen anstatt mit der schmerzhaften Wahrheit in unserer Psyche.
Verdrängung vs. Vergessen
Ein entscheidender Unterschied ist die Unterscheidung zwischen dem Verlust einer Information und deren aktiver Fernhaltung:
- Vergessen:
Die Gedächtnisspur verblasst (passiv). - Verdrängung:
Die Information ist vorhanden, aber der Zugriff ist blockiert (aktiv, unbewusst). - Unterdrückung (Suppression):
Die bewusste Entscheidung, nicht an etwas zu denken.
Folgen von chronischer Verdrängung
Wenn emotionale Inhalte über Jahre verdrängt werden, treten häufig sekundäre Symptome auf:
- Psychosomatik:
„Unerklärliche“ Rückenschmerzen, Magenprobleme oder Hauterkrankungen („Die Haut als Spiegel der Seele“). - Angststörungen:
Die verdrängte Energie bricht sich Bahn in Form von diffusen Ängsten oder Panikattacken. - Depression:
Das ständige Unterdrücken von „negativen“ Gefühlen führt oft dazu, dass man auch keine positiven Gefühle (Freude, Liebe) mehr empfinden kann (emotionale Taubheit).
Wie arbeitet die moderne Therapie damit?
Moderne Verfahren wie die Verhaltenstherapie, die Tiefenpsychologie oder die EMDR (bei Traumata) gehen heute behutsamer vor als früher:
- Exposition:
Schrittweise Annäherung an das vermiedene Gefühl in einem sicheren Rahmen. - Akzeptanz (ACT):
Anstatt gegen das Gefühl zu kämpfen (was es verstärkt), lernt der Patient, es wahrzunehmen, ohne davon überwältigt zu werden. - Körpertherapie:
Da Verdrängung oft im Körper „gespeichert“ ist, helfen Ansätze wie Somatic Experiencing, die muskulären Blockaden zu lösen, die mit der Verdrängung einhergehen.
Wenn Schmerzen durch Verdrängung entstehen, hilft klassische Physiotherapie oft nur kurzfristig, da die Ursache (das unterdrückte Gefühl) bestehen bleibt.
- Biofeedback:
Sichtbarmachen der unbewussten Anspannung, um die Kontrolle zurückzugewinnen. - Körperpsychotherapie:
Techniken wie Focusing, bei denen man direkt in den Schmerz „hineinspürt“, um herauszufinden, welches Gefühl oder welches Bild damit verknüpft ist. - Emotionsfokussierte Therapie:
Das schrittweise Zulassen und Ausdrücken der verdrängten Emotionen („Naming it to taming it“).
Das Ziel der modernen Therapie ist nicht das „zwanghafte Ausgraben“ jeder Erinnerung, sondern die Integration der Gefühle, damit diese das heutige Leben nicht mehr unbewusst steuern.