Craving

Unter Craving versteht man ein intensives, oft übermächtiges Verlangen nach einer Substanz (z. B. Alkohol, Nikotin, Zucker) oder einer bestimmten Verhaltensweise (z. B. Gaming, Glücksspiel). Es ist ein zentrales Merkmal von Abhängigkeitserkrankungen, tritt aber auch im Alltag in abgeschwächter Form auf.

Die neurobiologischen Grundlagen

Craving ist kein Mangel an Willenskraft, sondern ein messbarer Zustand im Gehirn, primär im Belohnungssystem.

  • Das Dopamin-System:
    Der wichtigste Botenstoff ist Dopamin. Entgegen der landläufigen Meinung sorgt Dopamin nicht primär für Genuss, sondern für Motivation und Vorfreude. Wenn ein Suchtreiz (Trigger) wahrgenommen wird, schüttet das Ventrale Tegmentale Areal (VTA) Dopamin in den Nucleus accumbens aus. Das Signal lautet: „Wichtig! Jetzt handeln, um Belohnung zu sichern!“
  • Incentive Salience (Anreiz-Sensitivierung):
    Durch wiederholten Konsum werden die Nervenbahnen überempfindlich gegenüber Auslösern. Das Gehirn lernt, Reize in der Umwelt extrem wichtig zu bewerten.
  • Frontale Dysregulation:
    Der Präfrontale Cortex, die „Vernunftinstanz“, wird während einer Craving-Attacke gedämpft. Die Fähigkeit, langfristige Folgen abzuwägen, sinkt, während das limbische System (Emotionen/Triebe) die Kontrolle übernimmt.

Wichtige psychologische Modelle

Die Psychologie nutzt verschiedene theoretische Rahmen, um die Entstehung und Aufrechterhaltung zu erklären:

  • Das Elaborated Intrusion (EI) Modell:
    Dieses Modell erklärt Craving als zweistufigen Prozess. Zuerst tritt ein spontaner Gedanke (Intrusion) auf. Wenn die Person beginnt, sich die Belohnung bildlich vorzustellen (Elaboration), werden massiv kognitive Ressourcen gebunden. Die bildhafte Vorstellung („Wie gut das jetzt schmecken würde“) verstärkt das Verlangen.
  • Konditionierungsmodelle:
    • Klassische Konditionierung:
      Neutrale Reize (z. B. eine bestimmte Musik oder Tageszeit) werden durch häufige Kopplung zu Auslösern für Craving.
    • Operante Konditionierung:
      Craving wird durch negative Verstärkung aufrechterhalten – der Betroffene möchte den unangenehmen Zustand (Stress, Entzug) beenden.
  • Dual-Prozess-Modelle:
    Diese gehen davon aus, dass zwei Systeme im Konflikt stehen: Ein schnelles, automatisches System (impulsiv) und ein langsames, reflektiertes System (rational). Craving ist der Sieg des automatischen Systems.

Umgang mit Craving (Coping-Strategien)

Da Craving meist in Wellen verläuft, die nach etwa 20 bis 30 Minuten ihren Höhepunkt überschreiten und dann abflauen, zielen die Strategien auf das Überbrücken dieser Zeit ab:

1. Kognitive Strategien:

  • Urge Surfing (Drang-Surfen):
    Man betrachtet das Verlangen wie eine Meereswelle. Statt dagegen anzukämpfen (was die Welle oft höher schlagen lässt), beobachtet man sie achtsam: „Ich spüre jetzt den Drang im Brustbereich, er wird stärker, aber ich weiß, er wird gleich wieder abnehmen.“
  • Salami-Taktik (Zeitaufschub):
    Man sagt sich nicht: „Ich darf nie wieder“, sondern: „Ich warte jetzt nur die nächsten 15 Minuten ab.“ Danach entscheidet man neu.
  • Vorteils-Nachteils-Analyse:
    Sich in der Situation aktiv die negativen Langzeitfolgen und die Vorteile des Verzichts vor Augen führen (oft als Kärtchen im Geldbeutel).

2. Verhaltensstrategien:

  • Reizkontrolle (Stimulus Control):
    Trigger konsequent meiden (z. B. keine Süßigkeiten im Haus haben, andere Wege gehen, um die Stammkneipe zu meiden).
  • Ablenkung durch alternative Aktivitäten:
    Eine Handlung ausführen, die die Aufmerksamkeit voll bindet (z. B. Sport, ein komplexes Rätsel, kaltes Wasser über die Unterarme laufen lassen).
  • Soziale Unterstützung:
    Eine Vertrauensperson anrufen („Flash-Anruf“), um den kognitiven Tunnelblick zu durchbrechen.

3. Biologische/Medikamentöse Ansätze:

In klinischen Fällen können Medikamente (z. B. Naltrexon oder Acamprosat bei Alkoholabhängigkeit) helfen, das neuronale Verlangen chemisch zu dämpfen, indem sie die Belohnungswirkung im Gehirn blockieren.

Zusammenfassend: Craving ist eine biologisch verankerte Motivationsreaktion. Der Schlüssel zum Umgang liegt darin, die ReizReaktions-Kette zu unterbrechen und die Zeitspanne der „Welle“ durch Achtsamkeit oder Ablenkung sicher zu überstehen.