Noradrenalin

In der Psychologie und Psychiatrie wird Noradrenalin (auch Norepinephrin genannt) oft als der Neurotransmitter für Wachheit, Aufmerksamkeit und Stressreaktion bezeichnet.

Während Dopamin uns „belohnt“ und Serotonin uns „beruhigt“, bereitet Noradrenalin das Gehirn und den Körper darauf vor, auf äußere Reize zu reagieren.

Psychologische Kernfunktionen

Noradrenalin fungiert sowohl als Hormon (im Körper) als auch als Neurotransmitter (im Gehirn). Seine psychologische Wirkung lässt sich in drei Bereichen zusammenfassen:

  • Aufmerksamkeit und Fokus:
    Es steuert die Wachheit (Arousal) und sorgt dafür, dass wir uns auf eine bestimmte Aufgabe konzentrieren können, während irrelevante Reize ausgeblendet werden.
  • Die „Fight-or-Flight“-Reaktion:
    In Stresssituationen schaltet Noradrenalin das Gehirn in den Alarmzustand. Es erhöht die Handlungsbereitschaft und beschleunigt die Entscheidungsfindung.
  • Emotionsregulation:
    Gemeinsam mit Serotonin ist es maßgeblich an der Regulierung der allgemeinen Stimmungslage beteiligt.

Die Biochemie des Noradrenalins

In der Biochemie wird Noradrenalin als 1-(3,4-Dihydroxyphenyl)-2-aminoethanol bezeichnet.

Der Syntheseweg (Die Katecholamin-Kette)

Noradrenalin wird in den sympathischen Nervenenden und im Gehirn (Locus caeruleus) synthetisiert. Es ist ein direktes Derivat des Dopamins.

  • TH (Tyrosinhydroxylase):
    Das geschwindigkeitsbestimmende Enzym.
  • AADC (Aromatische-L-Aminosäure-Decarboxylase):
    Wandelt L-DOPA in Dopamin um.
  • DBH (Dopamin-𝛽-Hydroxylase):
    Dieses Enzym sitzt innerhalb der Speichervesikel. Das bedeutet: Dopamin muss erst in das Vesikel transportiert werden, um dort zu Noradrenalin hydroxyliert zu werden.

Speicherung und Freisetzung

  • VMAT2:
    Der Vesikuläre Monoamin-Transporter 2 pumpt das produzierte Noradrenalin in die Vesikel, um es vor dem vorzeitigen Abbau im Zytoplasma zu schützen.
  • Exozytose:
    Bei einem Aktionspotenzial strömen Calcium-Ionen (Ca2+) in die Zelle, woraufhin die Vesikel mit der Membran verschmelzen und Noradrenalin in den synaptischen Spalt abgeben.

Rezeptor-Interaktion (Adrenozeptoren)

Noradrenalin entfaltet seine Wirkung über G-Protein-gekoppelte Rezeptoren:

Rezeptortyp Vorwiegender Effekt Biochemischer Mechanismus
α1 Glatte Muskelkontraktion Aktivierung von Phospholipase C
α2 Autorezeptor (Feedback-Hemmung) Senkung von cAMP
β1 Herzfrequenzsteigerung Erhöhung von cAMP
β2 Bronchienerweiterung Erhöhung von cAMP

Besonderheit: Der α2-Rezeptor dient als „Bremse“. Wenn zu viel Noradrenalin im Spalt ist, bindet es an diesen Rezeptor an der sendenden Zelle und stoppt die weitere Ausschüttung.

Abbau und Inaktivierung

Damit das Signal präzise bleibt, muss Noradrenalin schnell entfernt werden. Dies geschieht auf zwei Wegen:

  1. Reuptake (NET):
    Der Noradrenalin-Transporter pumpt ca. 90% des Stoffes zurück in die Präsynapse. Dies ist der Hauptangriffspunkt für viele Antidepressiva (z.B. Reboxetin oder Venlafaxin).
  2. Enzymatischer Abbau:
    • MAO (Monoaminooxidase):
      Baut Noradrenalin innerhalb der Zelle ab.
    • COMT (Catechol-O-Methyltransferase):
      Baut Noradrenalin im extrazellulären Raum (z.B. in der Leber oder im synaptischen Spalt) ab.
    • Endprodukt:
      Das wichtigste Abbauprodukt im ZNS ist VMA (Vanillinmandelsäure), die über den Urin ausgeschieden wird.

Chemische Verwandtschaft

Ein kleiner, aber entscheidender Schritt trennt Noradrenalin von seinem „großen Bruder“, dem Adrenalin: Durch das Enzym PNMT (Phenylethanolamin-N-Methyltransferase) wird eine Methylgruppe angehängt, und aus Noradrenalin wird Adrenalin. Dieser Schritt findet fast ausschließlich im Nebennierenmark statt.

Der Zusammenhang mit psychischen Störungen

Ein Ungleichgewicht im Noradrenalin-Haushalt ist oft der Schlüssel zum Verständnis verschiedener Krankheitsbilder:

Zustand Noradrenalin-Spiegel Psychologische Auswirkung
Depression Häufig zu niedrig Antriebslosigkeit, Erschöpfung, mangelndes Interesse und Konzentrationsschwäche.
ADHS Dysregulation Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit zu halten und Impulse zu kontrollieren.
Angststörungen Chronisch erhöht Übererregbarkeit, Nervosität, Panikattacken und Schlafstörungen.
Burnout Erst hoch, dann erschöpft Nach langer Stressphase „brennt“ das System aus, was zu tiefer emotionaler Erschöpfung führt.

Pharmakologische Bedeutung

In der Therapie werden Medikamente eingesetzt, die gezielt in den Noradrenalin-Stoffwechsel eingreifen:

  • SNRI (Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer):
    Diese werden bei Depressionen und Angststörungen eingesetzt. Sie erhöhen die Verfügbarkeit beider Botenstoffe, um sowohl die Stimmung als auch den Antrieb zu verbessern.
  • NARI (Selektive Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer):
    Werden spezifisch eingesetzt, wenn die Antriebslosigkeit im Vordergrund steht.
  • Beta-Blocker:
    Diese blockieren die Wirkung von Noradrenalin/Adrenalin an den Rezeptoren im Körper und werden manchmal „off-label“ eingesetzt, um die körperlichen Symptome von Prüfungsangst (Herzrasen, Zittern) zu lindern.

Noradrenalin vs. Adrenalin

Ein häufiges Missverständnis ist die Gleichsetzung der beiden.

  • Noradrenalin wirkt primär im Gehirn als Neurotransmitter zur Steuerung der Aufmerksamkeit.
  • Adrenalin wird hauptsächlich im Nebennierenmark gebildet und wirkt als Hormon im Körper (Blutzuckerspiegel, Herzfrequenz), um die physische Energie bereitzustellen.