Asozialität
In der Psychologie und Soziologie hat der Begriff Asozialität – anders als in der umgangssprachichen Verwendung, wo es häufig als Schimpfwort verwendet wird – eine wertfreie, rein beschreibende Bedeutung und unterscheidet sich grundlegend von der Antisozialität.
Definition: Asozialität vs. Antisozialität
In der Fachwelt ist die Unterscheidung dieser beiden Begriffe entscheidend, um das Verhalten eines Menschen zu verstehen:
- Asozialität (Desinteresse):
Bezeichnet ein Verhalten, bei dem ein Individuum kein Interesse an sozialer Interaktion hat oder sich nicht an gesellschaftliche Normen anpasst, ohne dabei anderen schaden zu wollen. Es ist eher ein Rückzug aus der Gemeinschaft. - Antisozialität (Gegner):
Bezeichnet ein Verhalten, das sich aktiv gegen die Gesellschaft richtet (Aggression, Kriminalität, Missachtung von Rechten anderer). Dies ist oft Teil einer Antisozialen Persönlichkeitsstörung (APS).
Asozialität im klinischen Kontext
In der Psychologie tritt Asozialität selten als eigenständiges Krankheitsbild auf, sondern ist meist ein Symptom oder ein Begleitmerkmal anderer Zustände:
Im Rahmen von Persönlichkeitsmerkmalen
Menschen mit einer schizoiden Persönlichkeitsstörung wirken oft asozial. Sie haben kein Bedürfnis nach engen Bindungen, wirken emotional kühl und verbringen ihre Zeit lieber allein. Hier ist die Asozialität ein stabiler Teil der Persönlichkeit.
Als Negativsymptom
Bei bestimmten Erkrankungen wie der Schizophrenie gibt es sogenannte Negativsymptome. Dazu gehören z.B. die Anhedonie (Unfähigkeit, Freude zu empfinden) oder die Alogie (eine krankhafte Verarmung der Sprache) und eben die Asozialität. Der Betroffene zieht sich nicht zurück, weil er böse Absichten hat, sondern weil ihm die psychische Energie für soziale Kontakte fehlt.
Autismus-Spektrum
Menschen im Autismus-Spektrum können asozial wirken, weil soziale Regeln für sie schwer verständlich sind oder soziale Interaktion eine Reizüberflutung darstellt.
Die „Soziale Anomie“
Ein psychologisch-soziologisches Konzept, das oft mit Asozialität verknüpft wird, ist die Anomie (nach Émile Durkheim).
- Kern:
Wenn die gesellschaftlichen Werte und Ziele nicht mehr mit den Mitteln des Einzelnen übereinstimmen, verliert das Individuum die Orientierung. - Folge:
Die Person fühlt sich der Gesellschaft nicht mehr zugehörig und bricht den Kontakt zu deren Normen ab – sie wird „asozial“ im Sinne eines Außenseiters.
Abgrenzungstabelle
| Merkmal | Asozialität | Antisozialität |
| Grundhaltung | Desinteresse / Rückzug | Feindseligkeit / Ausbeutung |
| Ziel | Ruhe / Alleinsein | Eigener Vorteil / Macht |
| Empathie | Vorhanden, aber kaum genutzt | Stark vermindert oder fehlend |
| Gefahr | Keine Eigen-/Fremdgefährdung | Potenzial für Gewalt/Kriminalität |
Warum ist diese Trennung so wichtig?
Wenn man jemanden fälschlicherweise als „asozial“ bezeichnet, der eigentlich unter einer Depression oder Schizophrenie (und damit unter Symptomen wie Alogie und sozialem Rückzug) leidet, verkennt man dessen Behandlungsbedürftigkeit. Die Psychologie versucht hier, das wertende Element zu entfernen und stattdessen die Ursache des Rückzugs zu finden.