Erleben
Das Erleben beschreibt in der Psychologie die Gesamtheit aller inneren Vorgänge eines Menschen. Während das Verhalten von außen beobachtbar ist, ist das Erleben rein subjektiv und nur der Person selbst zugänglich.
Zusammen mit dem Verhalten und dem Bewusstsein bildet es einen Kerngegenstand der Psychologie.
Die drei Säulen des Erlebens
Erleben ist kein statischer Zustand, sondern ein dynamischer Prozess, der sich aus drei Komponenten zusammensetzt:
- Kognition (Denken):
Wahrnehmungen, Erinnerungen, Erwartungen und Problemlösungen. - Emotion (Fühlen):
Affekte, Stimmungen und Gefühlsreaktionen auf Reize. - Motivation (Wollen):
Bedürfnisse, Antriebe und Zielsetzungen.
Diese drei Bereiche beeinflussen sich gegenseitig. Ein Gedanke („Ich schaffe das nicht“) löst ein Gefühl (Angst) aus, was wiederum die Motivation (Vermeidung) beeinflusst.
Das Zusammenspiel: Erleben vs. Verhalten
Die Psychologie untersucht primär, wie Erleben und Verhalten miteinander verknüpft sind. In der klassischen Psychologie wird dies oft über das S-O-R-Modell erklärt:
- S (Stimulus):
Ein Reiz trifft auf die Person (z. B. eine Spinne). - O (Organismus):
Die inneren Prozesse des Erlebens finden statt (Interpretation: „Gefahr!“, Gefühl: Ekel/Angst). - R (Reaktion):
Das sichtbare Verhalten (Weglaufen oder Aufschreien).
Die Merkmale des Erlebens
Psychologisches Erleben zeichnet sich durch spezifische Eigenschaften aus:
- Subjektivität:
Zwei Menschen können denselben Reiz völlig unterschiedlich erleben (z. B. Achterbahnfahren als Genuss vs. Todesangst). - Ganzheitlichkeit:
Wir erleben selten nur „eine Sache“. Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken verschmelzen zu einem Gesamteindruck. - Intentionalität:
Erleben ist fast immer auf etwas gerichtet (man freut sich über etwas, man hat Angst vor etwas). - Perspektivität:
Unser Erleben ist durch unsere Biografie, unsere Werte und unsere aktuelle körperliche Verfassung (Hunger, Müdigkeit) gefiltert.
Psychologische Perspektiven auf das Erleben
Je nach psychologischer Schule wird das Erleben unterschiedlich gewichtet:
- Behaviorismus:
Ignoriert das Erleben weitgehend (die „Black Box“), da es nicht objektiv messbar sei. - Kognitivismus:
Fokus darauf, wie wir Informationen verarbeiten und wie Gedanken unser Erleben steuern. - Tiefenpsychologie:
Untersucht, wie unbewusste Prozesse (die uns nicht direkt im Erleben zugänglich sind) unser bewusstes Erleben beeinflussen. - Humanistische Psychologie:
Stellt das subjektive Erleben des Individuums als höchste Autorität für das Verständnis der Persönlichkeit in den Mittelpunkt.
Störungen des Erlebens
In der Klinischen Psychologie spricht man von Erlebensstörungen, wenn die Verarbeitung der Innen- oder Außenwelt beeinträchtigt ist:
- Depersonalisation:
Das eigene Erleben fühlt sich fremd oder unwirklich an. - Affektverflachung:
Die Unfähigkeit, Gefühle in normaler Intensität zu erleben. - Wahrnehmungsverzerrungen:
Reize werden im Erleben falsch gedeutet (z. B. bei Halluzinationen).