ASSIP (Attempted Suicide Short Intervention Program)

Das Attempted Suicide Short Intervention Program (ASSIP) ist eine hochspezifische, evidenzbasierte Kurzttherapie bzw. -intervention nach Suizidversuch, die in der Schweiz an der Universität Bern von Konrad Michel und Anja Gysin-Maillart entwickelt wurde.

Kernkonzept und Struktur

ASSIP unterscheidet sich von klassischen Therapieansätzen dadurch, dass es den Suizidversuch nicht primär als Symptom einer psychischen Erkrankung (wie einer Depression) betrachtet, sondern als eine individuelle „Handlung“ in einer extremen Krisensituation.

Das Programm ist auf meist drei bis vier Sitzungen ausgelegt:

  1. Erste Sitzung (Narratives Interview):
    Der Patient berichtet ausführlich über die Geschichte seines Suizidversuchs. Die Sitzung wird auf Video aufgenommen. Ziel ist es, den „suizidalen Modus“ und die spezifischen Auslöser zu verstehen.
  2. Zweite Sitzung (Video-Rekonstruktion):
    Therapeut und Patient schauen sich Sequenzen des Videos gemeinsam an. Es wird analysiert, an welchen Punkten die Abwärtsspirale begann und welche psychischen Schmerzen (Mental Pain) handlungsleitend waren.
  3. Dritte Sitzung (Fallkonzeption & Notfallplan):
    Gemeinsam werden langfristige Ziele und kurzfristige Warnsignale erarbeitet. Es werden schriftliche Instruktionen und eine „Notfallkarte“ erstellt.
  4. Vierte Sitzung (Optional):
    Vertiefung des Notfallplans und Abschluss der persönlichen Strategien.

Besonderheit: Der „Brief-Kontakt“

Ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal von ASSIP ist der anschließende Kontakt über regelmäßige Briefe. Über einen Zeitraum von 24 Monaten erhält der Patient in festgelegten Abständen (anfangs häufiger, später seltener) personalisierte Briefe vom Therapeuten. Diese dienen der Aufrechterhaltung der therapeutischen Beziehung und erinnern an die erarbeiteten Sicherheitsstrategien.

Wirksamkeit

Studien zeigen eine bemerkenswerte Effektivität:

  • Reduktion von Rückfällen:
    Das Risiko für erneute Suizidversuche wird im Vergleich zu Standardbehandlungen um etwa 80 % reduziert.
  • Kosten-Nutzen:
    Aufgrund der Kürze der Intervention ist sie extrem ökonomisch und lässt sich gut in bestehende Behandlungspläne (z. B. während eines stationären Aufenthalts) integrieren.

Wichtiger Hinweis: ASSIP ist keine umfassende Psychotherapie, sondern eine gezielte Zusatzintervention. Sie ersetzt nicht die Behandlung der zugrunde liegenden psychischen Erkrankung, sondern sichert den Patienten spezifisch gegen die Wiederholung suizidaler Handlungen ab.