Vorurteile

In der Psychologie gibt es eine sehr klare Differenzierung darüber, wie Vorurteile entstehen, wie sie aufrechterhalten werden und welche psychischen Mechanismen ihnen zugrunde liegen. Man betrachtet Vorurteile meist als die affektive (emotionale) Komponente der sozialen Einstellung gegenüber einer Gruppe.

Die drei Komponenten der Einstellung

Um Vorurteile zu verstehen, unterteilt die Sozialpsychologie Einstellungen gegenüber sozialen Gruppen oft in drei Bereiche (das ABC-Modell):

  • A – Affekt (Vorurteil):
    Die emotionale Bewertung (z. B. Ablehnung, Angst, Ressentiments).
  • B – Behavior/Verhalten (Diskriminierung):
    Die tatsächliche Handlung oder Benachteiligung.
  • C – Kognition (Stereotyp):
    Die verallgemeinerte Überzeugung oder das Wissen über eine Gruppe (z. B. „Gruppe X ist faul“).

Warum entwickeln Menschen Vorurteile? (Theorien)

Die Psychologie bietet verschiedene Erklärungsansätze für die Entstehung:

Soziale Identitätstheorie (Tajfel & Turner)

Menschen haben das Grundbedürfnis, ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Dies geschieht oft durch die Identifikation mit einer Eigengruppe (Ingroup). Um die eigene Gruppe aufzuwerten, wird die Fremdgruppe (Outgroup) oft abgewertet. Schon die bloße Einteilung in „Wir“ und „Die“ reicht aus, um eine Bevorzugung der eigenen Gruppe auszulösen (Minimal-Group-Paradigma).

Realistischer Gruppenkonflikt (Sherif)

Vorurteile entstehen laut dieser Theorie durch den Wettbewerb um knappe Ressourcen (Geld, Arbeitsplätze, Macht). Wenn Gruppen um dasselbe Ziel konkurrieren, entwickelt sich Feindseligkeit. (Berühmt hierzu ist das Ferienlager-Experiment von Muzafer Sherif).

Kognitive Ökonomie (Kategorisierung)

Unser Gehirn ist darauf programmiert, Informationen zu vereinfachen, um Energie zu sparen. Wir kategorisieren Menschen in Gruppen, um die komplexe soziale Welt handhabbar zu machen. Ein Nebeneffekt ist der Outgroup-Homogenitäts-Effekt: Wir glauben, dass die Mitglieder der Fremdgruppe alle „gleich“ sind, während wir in unserer eigenen Gruppe große Unterschiede wahrnehmen.

Mechanismen der Aufrechterhaltung

Warum verschwinden Vorurteile nicht einfach, wenn wir Gegenbeweise sehen?

  • Bestätigungsfehler (Confirmation Bias):
    Wir achten unbewusst nur auf Informationen, die unser Vorurteil bestätigen, und ignorieren Fakten, die ihm widersprechen.
  • Subtyping (Untergruppenbildung):
    Wenn wir jemanden treffen, der gar nicht dem Vorurteil entspricht (z. B. ein „fleißiges“ Mitglied einer als „faul“ verschrieenen Gruppe), erklären wir ihn zur „Ausnahme“, statt das Vorurteil über die gesamte Gruppe zu revidieren.
  • Self-Fulfilling Prophecy (Selbsterfüllende Prophezeiung):
    Wenn ich jemanden aufgrund eines Vorurteils ablehnend behandle, wird diese Person wahrscheinlich kühl reagieren. Das nehme ich dann wiederum als „Beweis“, dass mein Vorurteil richtig war.

Unbewusste Vorurteile (Implicit Bias)

Ein moderner Schwerpunkt der Psychologie liegt auf den impliziten Vorurteilen. Das sind Einstellungen, die wir nicht bewusst äußern oder die uns sogar peinlich wären, die aber dennoch unser Handeln steuern. Mit dem Impliziten Assoziationstest (IAT) wurde nachgewiesen, dass fast jeder Mensch unbewusste Assoziationen besitzt, die durch kulturelle Prägung entstanden sind.

Strategien zum Abbau

Gordon Allport formulierte die Kontakthypothese, wonach Vorurteile durch Kontakt abgebaut werden können. Damit das funktioniert, müssen jedoch vier Bedingungen erfüllt sein:

  1. Gleicher Status der Gruppen in der Situation.
  2. Gemeinsame Ziele (Kooperation statt Wettbewerb).
  3. Unterstützung durch Institutionen (Gesetze oder Normen).
  4. Enger persönlicher Kontakt, der die Individualität des anderen sichtbar macht.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Vorurteile sind psychologisch gesehen oft das Nebenprodukt von ansonsten nützlichen kognitiven Prozessen (Kategorisierung) und sozialen Bedürfnissen (Zugehörigkeit). Ihre Überwindung erfordert aktives Bewusstsein und gezielte Interaktion.