Diskriminierung

In der psychologischen Fachterminologie stellt die Diskriminierung die verhaltensbezogene Komponente sozialer Voreingenommenheit dar. Während Stereotype (Kognition) und Vorurteile (Affekt) sich im Inneren eines Individuums abspielen, bezeichnet Diskriminierung die ungerechtfertigte Benachteiligung oder Ablehnung von Personen aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit.

Ebenen der Diskriminierung

Die Psychologie unterscheidet verschiedene Formen, je nachdem, wie und wo die Benachteiligung stattfindet:

  • Interpersonelle Diskriminierung:
    Eine Person behandelt eine andere aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit schlechter (z. B. eine offene Beleidigung oder die Verweigerung von Hilfe).

  • Institutionelle Diskriminierung:
    Benachteiligung, die durch Regeln, Gesetze oder etablierte Praktiken in Organisationen (Schulen, Behörden, Unternehmen) festgeschrieben ist, oft ohne dass ein einzelnes Individuum eine böse Absicht verfolgen muss.

  • Strukturelle Diskriminierung:
    Die Summe historisch gewachsener gesellschaftlicher Bedingungen, die bestimmte Gruppen systematisch von Ressourcen oder Machtpositionen ausschließen.

Psychologische Mechanismen: Warum wird diskriminiert?

Die Ursachen liegen oft in tief verwurzelten psychischen Prozessen:

Soziale Kategorisierung und Ingroup-Favorisierung

Menschen teilen ihre Umwelt automatisch in „Wir“ (Ingroup) und „Die“ (Outgroup) ein. Experimente wie das Minimal-Group-Paradigma von Henri Tajfel zeigen, dass Menschen bereits bei einer völlig willkürlichen Gruppeneinteilung dazu neigen, die eigene Gruppe bei der Ressourcenverteilung zu bevorzugen und die andere Gruppe zu benachteiligen.

Symbolische Bedrohung und Angst

Diskriminierung dient oft als Abwehrmechanismus. Wenn eine Gruppe das Gefühl hat, dass eine andere Gruppe ihre Werte, Normen oder ihren wirtschaftlichen Status bedroht (Theorie der realistischen Gruppenkonflikte), wird Diskriminierung als Mittel eingesetzt, um die eigene Vormachtstellung zu sichern.

Moderne Formen: Subtile Diskriminierung

Da offene Diskriminierung in vielen modernen Gesellschaften sozial geächtet ist, haben sich subtilere Formen entwickelt:

  • Aversiver Rassismus/Sexismus:
    Personen, die sich selbst als vorurteilsfrei wahrnehmen, diskriminieren dennoch in Situationen, in denen das Verhalten nicht eindeutig auf ein Vorurteil zurückgeführt werden kann (z. B. bei uneindeutigen Qualifikationen in Bewerbungsverfahren).

  • Mikroaggressionen:
    Alltägliche, oft unbeabsichtigte Herabwürdigungen (z. B. „Woher kommen Sie wirklich?“), die in der Summe eine massive psychische Belastung für die Betroffenen darstellen.

Psychologische Folgen für die Betroffenen

Diskriminierung ist ein chronischer Stressfaktor, der tiefgreifende Auswirkungen auf die Psyche hat:

  • Stereotype Threat (Bedrohung durch Stereotype):
    Die Angst, ein negatives Klischee über die eigene Gruppe zu bestätigen, führt ironischerweise zu einer Leistungsverschlechterung (z. B. Frauen in Mathematiktests, wenn zuvor das Geschlecht abgefragt wurde).

  • Minority Stress (Minderheitenstress):
    Chronisch erhöhter Stresspegel durch Diskriminierungserfahrungen führt statistisch häufiger zu Depressionen, Angststörungen und physischen Erkrankungen (Hypertonie).

  • Internalisierung:
    Betroffene beginnen unter Umständen, die negativen Abwertungen der Gesellschaft gegen sich selbst zu richten (Selbstabwertung).

Interventionen zum Abbau von Diskriminierung

Kontakthypothese (Gordon Allport)

Die von Gordon Allport formulierte Kontakthypothese postuliert, dass Vorurteile und Diskreminierung unter vier Bedingungen abgebaut werden können:

  1. Gleicher Status der Personen oder Gruppen in der Situation.
  2. Gemeinsame Ziele (Kooperation statt Wettbewerb).
  3. Unterstützung durch Institutionen (Gesetze oder Normen).
  4. Enger persönlicher Kontakt, der die Individualität des anderen sichtbar macht.

Neben der Kontakthypothese setzt die Psychologie auf folgende Ansätze:

  1. Dekategorisierung:
    Den Fokus auf das Individuum legen statt auf die Gruppenzugehörigkeit („Personalisierung“).

  2. Rekategorisierung:
    Eine übergeordnete Identität schaffen (z. B. nicht „Gruppe A vs. Gruppe B“, sondern „Wir als gemeinsames Unternehmen“).

  3. Perspektivübernahme:
    Gezielte Empathie-Trainings, um das Erleben der diskriminierten Gruppe nachzuempfinden.

Diskriminierung ist somit nicht nur ein moralisches oder rechtliches Problem, sondern ein komplexes Resultat aus kognitiver Vereinfachung, dem Streben nach Selbstwert und gesellschaftlichen Machtstrukturen.