Minimal-Group-Paradigma

Das Minimal-Group-Paradigma (dt. Minimalgruppen-Pradigma) ist ein einflussreiches Konzept der Sozialpsychologie. Es beschreibt die Beobachtung, dass allein die Zuweisung von Menschen zu völlig willkürlichen Gruppen ausreicht, um eine Bevorzugung der eigenen Gruppe (Ingroup) und eine Benachteiligung der fremden Gruppe (Outgroup) auszulösen.

Der britische Sozialpsychologe Henri Tajfel entwickelte dieses Paradigma in den 1970er Jahren, um die minimalen Bedingungen für Gruppenkonflikte zu untersuchen.

Das klassische Experiment

Tajfel wollte wissen: Was ist das absolute Minimum an Gemeinsamkeit, das nötig ist, damit Diskriminierung entsteht?

  • Die Zuweisung:
    Probanden (oft Schüler) wurden in Gruppen eingeteilt, basierend auf trivialen Kriterien – zum Beispiel, ob sie die Anzahl von Punkten auf einem Bild über- oder unterschätzt hatten, oder ob sie die Bilder von Klee oder Kandinsky bevorzugten.
  • Die Anonymität:
    Die Teilnehmer kannten die anderen Gruppenmitglieder nicht und hatten keinen persönlichen Kontakt. Es gab keinen Wettbewerb um reale Ressourcen und keine gemeinsame Vergangenheit.
  • Die Aufgabe:
    Die Probanden mussten Geld oder Punkte an andere Teilnehmer verteilen. Sie wussten dabei nur, zu welcher Gruppe (z. B. „Gruppe Klee“) die Empfänger gehörten, aber nicht, wer die Person war.

Die zentralen Befunde

Die Ergebnisse waren überraschend konsistent:

  1. Ingroup-Favorisierung:
    Die Teilnehmer gaben Mitgliedern der eigenen Gruppe systematisch mehr Punkte als Mitgliedern der anderen Gruppe.
  2. Maximaler Unterschied statt maximaler Profit:
    Die Probanden wählten oft eine Verteilung, die der eigenen Gruppe zwar absolut weniger Punkte einbrachte, aber den Abstand zur anderen Gruppe maximierte.

    • Beispiel: Man wählte lieber (7 Punkte für Ingroup / 1 Punkt für Outgroup) statt (12 Punkte für Ingroup / 11 Punkte für Outgroup). Es ging also um die relative Überlegenheit, nicht um den objektiven Gewinn.
  3. Fehlen von Feindseligkeit:
    Interessanterweise war das Verhalten primär durch die Begünstigung der eigenen Gruppe getrieben, nicht unbedingt durch einen Hass auf die andere Gruppe.

Psychologische Erklärung: Soziale Identität

Diese Befunde führten zur Entwicklung der Sozialen Identitätstheorie (SIT) durch Tajfel und Turner.

  • Selbstwertgefühl:
    Menschen definieren sich nicht nur über ihre individuelle Identität („Ich bin fleißig“), sondern auch über ihre soziale Identität („Ich gehöre zu Gruppe X“).
  • Soziale Distinktheit:
    Um den eigenen Selbstwert zu steigern, muss die Gruppe, der man angehört, positiv bewertet werden.
  • Sozialer Vergleich:
    Positivität entsteht vor allem durch den Vergleich. Eine Gruppe ist nur dann „gut“, wenn sie besser ist als eine andere. Das Streben nach einer positiven sozialen Identität führt also zwangsläufig zur Abwertung oder Benachteiligung der Outgroup.

Bedeutung für die Praxis

Das Minimal-Group-Paradigma zeigt eindrucksvoll, wie tief verwurzelt das „Wir-gegen-Die“-Denken in der menschlichen Psyche ist.

  • Einfachheit der Spaltung:
    Es braucht keinen geschichtlichen Konflikt oder Rassismus, um Gruppen gegeneinander aufzubringen; eine einfache Kategorisierung (z. B. verschiedene Abteilungen in einer Firma oder unterschiedliche Trikotfarben) reicht oft aus.
  • Diskriminierung im Alltag:
    Es erklärt, warum wir unbewusst Menschen bevorzugen, die uns in irgendeiner Weise ähnlich sind (z. B. gleicher Wohnort, gleiches Hobby), selbst wenn diese Ähnlichkeit für die aktuelle Situation irrelevant ist.

Fazit

Das Paradigma belegt, dass Diskriminierung nicht zwangsläufig aus böser Absicht oder tiefem Hass entsteht, sondern oft ein Nebenprodukt unseres Strebens nach Identität und Selbstwert ist.