In vivo

In der Psychologie – insbesondere in der Verhaltenstherapie – bedeutet „in vivo“ (lateinisch für „am Lebendigen“), dass eine Übung oder Konfrontation direkt in der realen Situation stattfindet.

Während man bei „in sensu“ nur in der Fantasie arbeitet, begibt sich der Patient bei der In-vivo-Arbeit physisch an den Ort des Geschehens oder setzt sich dem realen Reiz aus.

Formen der In-vivo-Exposition

Je nachdem, wie intensiv die Konfrontation erfolgt, unterscheidet man zwei Hauptansätze:

Systematische Desensibilisierung (in vivo)

Der Patient nähert sich dem angstauslösenden Reiz schrittweise (graduiert) an. Man beginnt bei der Situation, die am wenigsten Angst auslöst, und steigert sich erst, wenn auf der aktuellen Stufe keine Angst mehr verspürt wird.

Flooding (Reizüberflutung in vivo)

Der Patient setzt sich direkt und ohne Umwege dem am stärksten angstauslösenden Reiz aus (z. B. eine Person mit Höhenangst begibt sich sofort auf eine Aussichtsplattform).

  • Ziel: Die Erfahrung, dass die Angst nicht unendlich steigt, sondern nach einer gewissen Zeit von selbst nachlässt (Habituation), ohne dass eine Katastrophe eintritt.

Vergleich: In vivo vs. In sensu

Merkmal In vivo (Realität) In sensu (Vorstellung)
Lerneffekt Sehr hoch; die Erfahrung ist unmittelbar und real. Moderat; dient oft als Vorbereitung.
Vermeidung Schwieriger; man muss sich der Realität stellen. Leichter; Patienten können gedanklich „abschalten“.
Anwendungsbereich Phobien (Spinnen, Höhen), soziale Ängste. Traumata, unethische oder gefährliche Szenarien.
Herausforderung Erfordert Mut und oft logistische Planung. Erfordert ein gutes Vorstellungsvermögen.

Typische Anwendungsbeispiele

  • Agoraphobie:
    Der Patient besucht in Begleitung (oder später allein) einen überfüllten Marktplatz oder nutzt öffentliche Verkehrsmittel.
  • Soziale Phobie:
    Der Patient geht in ein Geschäft und bittet um eine absichtlich komplizierte Beratung oder fragt Fremde nach der Uhrzeit.
  • Zwangsstörungen:
    Ein Patient mit Waschzwang berührt eine „unreine“ Oberfläche (z. B. einen Türgriff) und unterlässt danach bewusst das Händewaschen (Reaktionsverhinderung).

Warum ist „in vivo“ so effektiv?

Der entscheidende Faktor ist die Korrektive Erfahrung. Das Gehirn lernt nicht nur theoretisch, dass keine Gefahr besteht, sondern erlebt die Sicherheit körperlich. Durch das Ausbleiben der erwarteten Katastrophe findet eine Löschung (Extinktion) der gelernten Angstreaktion statt.