Gestaltpsychologie
Die Gestaltpsychologie ist eine Strömung der Psychologie, die Anfang des 20. Jahrhunderts (vor allem im deutschsprachigen Raum) entstand. Ihr zentrales Dogma lautet: „Das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile.“ (Christian von Ehrenfels).
In der Gestaltpsychologie geht es darum, wie der menschliche Geist Informationen organisiert und strukturiert, um Ordnung in das Chaos der Sinnesindrücke zu bringen.
Die Gestaltgesetze (Wahrnehmung)
Unser Gehirn arbeitet nach festen Regeln, um Reize zu gruppieren.
- Gesetz der Nähe:
Elemente, die nah beieinander liegen, werden als zusammengehörig wahrgenommen. - Gesetz der Ähnlichkeit:
Ähnliche Objekte (in Form oder Farbe) werden als Gruppe gesehen. - Gesetz der Geschlossenheit:
Unser Gehirn vervollständigt unvollständige Formen zu einem ganzen Bild. - Gesetz der Kontinuität (Gute Fortsetzung):
Reize, die eine Fortsetzung vorangehender Reize zu sein scheinen, werden als Einheit angesehen. - Prägnanzgesetz (Gesetz der guten Gestalt):
Wir bevorzugen Gestalten, die einfach, symmetrisch und stabil sind.
Figur-Grund-Trennung
Ein wesentliches Konzept ist die Unterscheidung zwischen einem Fokusobjekt (Figur) und dem Hintergrund (Grund). Bekannt sind hier vor allem die sogenannten „Kippbilder“. Unser Gehirn kann nicht beides gleichzeitig als Figur wahrnehmen, sondern springt zwischen den Interpretationen hin und her.
Lernen durch Einsicht
In der Kognitionspsychologie hat die Gestaltpsychologie das Konzept des Einsichtslernens (Wolfgang Köhler) geprägt.
- Anstatt nur durch „Versuch und Irrtum“ (wie im Behaviorismus) zu lernen, ordnet das Individuum die Elemente einer Situation in seinem Geist so lange um, bis die Lösung „plötzlich“ auftaucht.
- Dies wird oft als der „Aha-Moment“ bezeichnet. Die Struktur des Problems wird erkannt (die „Gestalt“ schließt sich).
Gestaltpsychologie vs. Gestalttherapie
Es ist wichtig, diese beiden Begriffe zu unterscheiden, auch wenn sie verwandt sind:
- Gestaltpsychologie:
Die theoretische Erforschung von Wahrnehmung und Kognition (Wissenschaft). - Gestalttherapie:
Ein von Fritz Perls entwickeltes Therapieverfahren. Hier geht es darum, dass der Klient „offene Gestalten“ (unabgeschlossene Konflikte oder Gefühle) schließt, um wieder ganzheitlich zu funktionieren.
Warum ist das heute noch wichtig?
Die Gestaltpsychologie ist die Basis für modernes Design (UI/UX), die Werbepsychologie und die Kognitionswissenschaft. Wir verstehen dadurch, warum Menschen Informationen auf eine bestimmte Weise filtern und interpretieren.