Übertragung

In der Psychologie ist die Übertragung ein zentrales Konzept der Psychoanalyse und der Tiefenpsychologie. Kurz gesagt: Jemand projiziert Gefühle, Erwartungen oder Wünsche aus früheren Beziehungen (meist zu den Eltern) auf eine Person in der Gegenwart.

Was passiert bei der Übertragung?

Das Gehirn nutzt alte „Beziehungsschablonen“, um neue Situationen zu bewerten. Wenn Ihr Chef Sie zum Beispiel kritisiert und Sie sich plötzlich wie ein kleiner, hilfloser Junge fühlen, übertragen Sie vermutlich die Gefühle gegenüber einem strengen Vater auf deinen Vorgesetzten.

Formen der Übertragung:

  • Positive Übertragung:
    Man projiziert positive Gefühle wie Liebe, Bewunderung oder Vertrauen auf das Gegenüber. Das kann die Zusammenarbeit stärken, aber auch zu Idealisierung führen.
  • Negative Übertragung:
    Feindseligkeit, Misstrauen oder Wut aus der Vergangenheit werden auf die aktuelle Person gelenkt.
  • Erotisierte Übertragung:
    Hier entwickeln sich romantische oder sexuelle Wünsche gegenüber der Bezugsperson (oft in der Therapie thematisiert).

Die Gegenübertragung

Das ist die Reaktion des Gegenübers (z. B. des Therapeuten) auf die Übertragung des Patienten.

  • Beispiel: Ein Patient verhält sich extrem hilflos. Der Therapeut spürt plötzlich den Drang, ihn zu „retten“. Dieser Drang ist die Gegenübertragung.
  • Nutzen: In der modernen Therapie ist die Gegenübertragung ein wichtiges Werkzeug, um zu verstehen, wie der Patient unbewusst auf andere wirkt.

Warum ist das wichtig?

Übertragung passiert ständig im Alltag – im Job, in Freundschaften und in Partnerschaften. Wenn man lernt, diese Muster zu erkennen, kann man:

  1. Reaktionen entschärfen:
    „Reagiere ich gerade auf meinen Partner oder auf ein altes Kindheitstrauma?“
  2. Beziehungen klären:
    Missverständnisse werden seltener, wenn man die „Geister der Vergangenheit“ aus dem Raum schickt.

Wichtig: Übertragung ist kein „Fehler“, sondern ein automatischer psychischer Prozess. Das Ziel ist nicht, sie zu verhindern, sondern sie bewusst zu machen.