Gegenübertragung
Unter Gegenübertragung versteht man in der Psychologie die Gesamtheit aller Gefühle, Einstellungen und Impulse, die ein Therapeut, Berater oder Gesprächspartner gegenüber seinem Klienten entwickelt. Diese entstehen oft unbewusst als direkte Reaktion auf das Verhalten oder die Projektionen des Patienten, die s.g. Übertragung.
Die zwei Arten der Gegenübertragung
In der modernen Psychologie unterscheidet man zwischen zwei wesentlichen Ursprüngen dieser Gefühle:
- Konkordante Gegenübertragung:
Der Therapeut fühlt das Gleiche wie der Patient. Wenn der Patient sich tief einsam fühlt, aber darüber nur sachlich berichtet, spürt der Therapeut plötzlich eine unerklärliche Traurigkeit. Er schwingt sozusagen mit dem inneren Kind des Patienten mit. - Komplementäre Gegenübertragung:
Der Therapeut nimmt die Rolle einer wichtigen Bezugsperson aus der Vergangenheit des Patienten ein. Wenn der Patient sich extrem provokant verhält (wie gegenüber einem strengen Vater), spürt der Therapeut plötzlich den Impuls, den Patienten streng zu maßregeln. Er wird also zum „Gegenstück“ im alten Beziehungsdrama.
Vom Hindernis zum Werkzeug
Früher (zu Zeiten von Freud) galt die Gegenübertragung als Störfaktor, den der Therapeut durch Selbstanalyse eliminieren musste. Man dachte, der Therapeut müsse wie ein „reiner Spiegel“ sein.
Heute sieht man das völlig anders:
- Informationsträger:
Die Gefühle des Therapeuten sind oft der schnellste Weg, um zu verstehen, was im Unbewussten des Patienten vorgeht. - Diagnostisches Instrument:
Wenn ein Therapeut sich bei einem bestimmten Patienten immer wieder extrem müde oder gelangweilt fühlt, kann das ein Hinweis auf eine tiefsitzende emotionale Abspaltung beim Patienten sein. - Heilung durch Reflexion:
Der Therapeut agiert den Impuls nicht aus, sondern spricht ihn (manchmal) an oder nutzt ihn, um seine Strategie anzupassen.
Beispiel aus dem Alltag
Stellen Sie sich vor, ein neuer Kollege fragt Sie ständig um Rat, wirkt dabei aber sehr unterwürfig.
- Übertragung (Kollege):
Er sieht in Ihnen eine autoritäre, rettende Elternfigur. - Gegenübertragung (Sie):
Sie merken, wie Sie entweder genervt reagieren oder in eine überfürsorgliche Rolle schlüpfen und Aufgaben für ihn erledigen, die er selbst könnte.
| Aspekt | Übertragung (Klient) | Gegenübertragung (Therapeut/Gegenüber) |
| Richtung | Vom Klienten zum Therapeuten | Vom Therapeuten zum Klienten |
| Ursache | Alte Beziehungsschablonen | Reaktion auf die Projektion des anderen |
| Gefahr | Wiederholung destruktiver Muster | Unreflektiertes Agieren (z.B. Schimpfen) |