Verleugnung

In der Psychologie ist die Verleugnung ein Abwehrmechanismus und ein Prozess, bei dem äußere Reize, Tatsachen oder Informationen schlichtweg nicht wahrgenommen werden. Während man bei der Verdrängung ein inneres Gefühl „vergisst“, wird bei der Verleugnung die Realität im Außen mit einem „Nein“ beantwortet.

Die Funktionsweise: Wie das Gehirn „blind“ wird

Verleugnung schützt das Ich vor einer Überwältigung durch Angst oder Schmerz. Das Gehirn bewertet eine Information als so bedrohlich für die psychische Existenz, dass der Zugang zum Bewusstsein blockiert wird.

  • Der Mechanismus:
    Die Sinnesorgane nehmen die Information zwar auf, aber das Bewusstsein verweigert die Verarbeitung.
  • Das Ziel:
    Aufrechterhaltung der Handlungsfähigkeit in einer akuten Krise.

Differenzierung: Was Verleugnung ist – und was nicht

Um Verleugnung psychologisch präzise zu verstehen, muss man sie von ähnlichen Verhaltensweisen abgrenzen:

Begriff Psychologischer Vorgang Beispiel
Verleugnung Die Realität wird unbewusst nicht anerkannt. Ein Hinterbliebener deckt nach Wochen noch immer den Tisch für den Verstorbenen.
Lüge Die Realität ist bekannt, wird aber bewusst falsch dargestellt. Ein Schüler behauptet, er habe die Hausaufgaben gemacht, obwohl er weiß, dass es nicht stimmt.
Verdrängung Ein innerer Konflikt oder Wunsch wird unbewusst gemacht. Man „vergisst“ den Termin beim Zahnarzt, weil man unbewusst große Angst hat.
Dissimulation Bewusstes Verbergen von Symptomen (oft bei Ärzten). Ein Patient verheimlicht Schmerzen, um früher entlassen zu werden.

Die „Dosierte Verleugnung“

In der modernen Psychologie, besonders in der Notfallpsychologie, wird Verleugnung oft als „Schutzwall“ respektiert.

  1. Die akute Phase:
    Unmittelbar nach einem Trauma (z. B. Autounfall, Diagnose) ist Verleugnung gesund. Sie verhindert einen Schock-Kollaps.
  2. Die adaptive Phase:
    Mit der Zeit wird die Verleugnung brüchiger. Das Individuum lässt die Realität in „Häppchen“ zu, die es emotional verarbeiten kann.
  3. Die maladaptive Phase:
    Problematisch wird es, wenn die Verleugnung starr bleibt (z. B. jahrelanges Ignorieren einer Sucht). Hier verhindert sie notwendige Hilfe und Heilung.

Verleugnung in der therapeutischen Arbeit

Therapeuten gehen heute meist ressourcenorientiert vor. Anstatt die Verleugnung „einzureißen“, wird gefragt: „Was würde passieren, wenn Sie das jetzt als wahr anerkennen müssten?“

  • Sicherheit schaffen:
    Erst wenn das Umfeld sicher genug ist, kann die Abwehr gelockert werden.
  • Konfrontation:
    Diese erfolgt oft nur indirekt, indem man auf die Konsequenzen der Realität hinweist, ohne den Patienten als „Lügner“ darzustellen.

Zusammenfassend: Anders als früher bewertet man in der modernen Psychotherapie Verleugnung nicht als „unreifen“ oder „primitiven“ Abwehrmechanismus, sondern erkennt sie als einen adaptiven Schutzmechanismus und ein Zeichen dafür an, dass die aktuelle Belastung die aktuelle psychische Belastbarkeit übersteigt.