PSI-Theorie
Die PSI-Theorie (Theorie der Persönlichkeits-System-Interaktionen) von Julius Kuhl ist eine Meta-Theorie der Persönlichkeit und der willentlichen Handlungssteuerung. Sie integriert unterschiedliche persönlichkeitstheoretische Ansätze der Motivations-, Emotions- und Kognitionspsychologie und vereint diese mit neuen Erkenntnissen der Neurowissenschaften und Persönlichkeitspsychologie. Damit ist sie eines der umfassendsten Modelle der modernen Psychologie.
Die vier psychischen Funktionssysteme
Kuhl unterscheidet zwei Typen von Intelligenz:
- Analytische Intelligenz:
Diese ist bewusst, seriell und langsam. - Intuitive Intelligenz:
Ist unbewusst, parallel und schnell.
und vier verschiedenen Funktionssystemen mit jeweils spezifischen Aufgaben:
1. Das Intentionsgedächtnis (IG) – Die „To-Do-Liste“
Hier bewahren wir unsere Absichten auf, besonders die schwierigen.
- Aufgabe:
Ziele festlegen und Probleme analysieren. - Modus:
Sachlich, kühl, logisch. Es speichert „Was“ getan werden muss, aber es hat keine eigene Energie, um es auch wirklich zu tun. - Beispiel:
„Ich muss heute unbedingt noch die Steuererklärung anfangen.“
2. Die Intuitive Verhaltenssteuerung (IVS) – Der „Autopilot“
Dieses System ist für das direkte Handeln zuständig.
- Aufgabe:
Ausführen von gelernten Bewegungen und spontanes Reagieren. - Modus:
Vital, energievoll, unbewusst. - Beispiel:
Das Tippen auf der Tastatur, das soziale Lächeln zur Begrüßung oder das eigentliche Ausfüllen der Formulare.
3. Das Extensionsgedächtnis (EG) – Das „Selbst“
Das ist das Herzstück der Persönlichkeit. Es ist wie ein riesiges, buntes Netzwerk aus allen Erfahrungen, Werten, Vorlieben und Bedürfnissen.
- Aufgabe:
Überblick behalten, stimmige Entscheidungen treffen, Selbstberuhigung. - Modus:
Ganzheitlich. Es „fühlt“, ob etwas zu uns passt. Es kann Millionen von Informationen gleichzeitig abgleichen. - Beispiel:
Das tiefe Wissen: „Eigentlich bin ich ein hilfsbereiter Mensch, auch wenn ich gerade gestresst bin.“
4. Die Objekterkennung (OE) – Die „Korrekturdurchsicht“
Dieses System ist wie eine Lupe, die nur auf Fehler und Gefahren schaut.
- Aufgabe:
Einzelne Details prüfen, Unstimmigkeiten finden. - Modus:
Vorsichtig, kleinteilig, oft mit negativen Gefühlen verbunden. - Beispiel:
„Moment mal, hier in der Zeile 4 der Steuererklärung stimmt eine Zahl nicht!“
Die Dynamik: Wie Gefühle die Systeme schalten
Das Entscheidende an Kuhls Theorie ist, dass diese vier Systeme nicht immer alle gleichzeitig „online“ sind. Sie werden durch Affekte (Gefühle) an- und ausgeschaltet.
Die Umsetzung (Vom Plan zum Handeln)
Damit wir von der To-Do-Liste (IG) in den Autopiloten (IVS) kommen, brauchen wir einen positiven Affekt (Freude, Zuversicht, Elan).
- Das Problem:
Wenn wir keine Lust haben (kein positiver Affekt vorhanden ist), bleibt die Absicht im Intentionsgedächtnis liegen. Wir grübeln darüber nach, was wir tun müssten, aber die Muskeln bewegen sich nicht. Kuhl nennt das Willenshemmung.
Das Wachstum (Vom Fehler zum Selbst)
Wenn etwas Schlimmes passiert, ist die Objekterkennung (OE) aktiv. Wir sehen nur das Problem. Um wieder Zugriff auf das Selbst (EG) zu bekommen, müssen wir den negativen Affekt dämpfen (Selbstberuhigung).
- Das Problem:
Wenn wir uns nicht beruhigen können, bleiben wir im Schmerz oder in der Angst gefangen. Dann haben wir keinen Zugriff mehr auf unsere inneren Werte und Ressourcen. Wir fühlen uns „fremdgesteuert“ oder blockiert. Kuhl nennt das Selbsthemmung.
Die zwei Typen der Selbststeuerung
Kuhl beschreibt, dass Menschen unterschiedlich gut darin sind, diese Gefühle zu regulieren:
- Handlungsorientierung:
Handlungsorientierte Menschen können sich gut selbst motivieren (positiven Affekt erzeugen) und selbst beruhigen (negativen Affekt abbauen). Sie kommen schnell vom Denken ins Tun. - Lageorientierung:
Lageorientierte Menschen lassen sich von ihrer aktuellen „Lage“ (Stress, Trauer, Überforderung) gefangen nehmen. Sie grübeln viel und haben Schwierigkeiten, den „Schalter“ umzulegen, um wieder Zugriff auf ihr volles Potenzial zu bekommen.
Warum ist das so bahnbrechend?
Die PSI-Theorie erklärt, warum „positives Denken“ allein oft nicht hilft. Es geht nicht nur darum, was wir denken, sondern welches System in unserem Gehirn gerade die Kontrolle hat.
- Selbstkontrolle (Disziplin) ist oft anstrengend, weil das Intentionsgedächtnis (IG) den Autopiloten (die Intuitive Verhaltenssteuerung (IVS)) mit Druck zur Arbeit zwingt.
- Selbstregulation (Leichtigkeit) entsteht, wenn das Extensionsgedächtnis (EG) (das Selbst) mit dem IVS (dem Handeln) im Einklang steht. Dann tun wir Dinge, weil sie sich „richtig“ anfühlen, nicht weil wir uns dazu zwingen.
Die PSI-Theorie wird häufig im Coaching, in der Beratung und in der Psychotherapie eingesetzt (oft als PSI-Potenzialanalyse), um Stärken, Schwächen und Blockaden in der Selbststeuerung zu identifizieren. Sie hilft zu verstehen, warum Menschen trotz guten Willens oft nicht ins Handeln kommen (Handlungs– vs. Lageorientierung) und wie sie ihre psychische Gesundheit durch Stärkung des Selbst fördern können.