Gewalt
In der Psychologie wird Gewalt nicht nur als körperlicher Übergriff, sondern als Verletzung der psychischen Integrität und des Grundvertrauens definiert.
Hier betrachten wir die klinischen Aspekte der Traumatisierung und die daraus resultierenden therapeutischen Schritte.
Gewalt aus Sicht der Psychologie
Psychologisch gesehen ist Gewalt oft ein Instrument der Machtausübung und Kontrolle. Dabei werden verschiedene Formen und Motivationen unterschieden:
Formen von Gewalt
| Form | Beschreibung | Beispiele |
| Physische Gewalt | Direkte körperliche Einwirkung. | Schlagen, Festhalten, Waffengebrauch. |
| Psychische Gewalt | Angriffe auf das Selbstwertgefühl und die psychische Integrität. | Demütigung, Gaslighting, Drohungen, soziale Isolation. |
| Sexualisierte Gewalt | Handlungen gegen die sexuelle Selbstbestimmung. | Belästigung, Nötigung, Missbrauch. |
| Strukturelle Gewalt | Gewalt, die durch gesellschaftliche Normen oder Gesetze ausgeübt wird. | Diskriminierung, ungleiche Bildungschancen. |
| Cyber-Gewalt | Gewaltanwendung im digitalen Raum. | Cybermobbing, Doxing, Stalking über Apps. |
Sonderform: Vernachlässigung
In der Entwicklungspsychologie wird auch die Vernachlässigung (z.B. bei Kindern oder Pflegebedürftigen) als eine Form der Gewalt eingestuft. Das Ausbleiben notwendiger Zuwendung und Versorgung hat oft ähnlich schwerwiegende traumatische Folgen wie aktive Misshandlung.
Einteilung nach der Motivation
Die Psychologie unterscheidet oft danach, warum Gewalt angewendet wird. Dies ist besonders für die Tätertherapie und Prävention entscheidend.
- Affektive (reaktive) Gewalt:
- Ursache:
Entsteht aus einem Zustand hoher emotionaler Erregung (Wut, Angst, Krise). - Ziel:
Entladung von Spannung oder Reaktion auf eine Bedrohung.
- Ursache:
- Instrumentelle (proaktive) Gewalt:
- Ursache:
Geplante Handlung, oft ohne starke Emotionen. - Ziel:
Erreichen eines Vorteils (Geld, Macht, Status). Gewalt ist hier nur das Mittel zum Zweck.
- Ursache:
Der Zyklus der Gewalt
Ein weiteres Konzept in der Psychologie ist der Zyklus der Gewalt (besonders in Beziehungen), der erklärt, warum es Opfern oft schwerfällt, sich zu lösen.
- Spannungsaufbau:
Subtile Konflikte nehmen zu. - Akute Gewalt:
Der Ausbruch findet statt. - Versöhnung („Honeymoon“):
Der Täter zeigt Reue, verspricht Besserung (Manipulation). - Ruhephase:
Scheinbare Harmonie, bis der Kreislauf von vorn beginnt.
Die Wirkung von Gewalt
Ein zentraler Erklärungsansatz für die Wirkung von Gewalt ist der Verlust der Autonomie. Das Opfer erlebt eine extreme Situation der Hilflosigkeit, die das psychische Gleichgewicht erschüttert.
Die Folgen von Gewalt
Die Folgen können unmittelbar auftreten oder sich als Spätfolgen (manchmal erst Jahre später) manifestieren.
Psychische Auswirkungen
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS):
Gekennzeichnet durch Flashbacks (ungewolltes Wiedererleben), Albträume und Hyperarousal (ständige Schreckhaftigkeit). - Dissoziation:
Ein Schutzmechanismus, bei dem die Psyche das Erleben vom Bewusstsein abspaltet. Betroffene fühlen sich „wie im Film“ oder vom eigenen Körper getrennt. - Komplexe PTBS:
Tritt oft nach langjähriger Gewalt (z.B. in der Kindheit) auf und führt zu massiven Problemen in der Selbstwahrnehmung und Beziehungsgestaltung.
Soziale und körperliche Folgen
- Chronische Schmerzzustände ohne organischen Befund (Somatisierung).
- Rückzug aus sozialen Beziehungen und Probleme, neues Vertrauen zu fassen.
Therapie von Gewaltopfern
Die moderne Traumatherapie folgt meist einem dreiphasigen Modell, um die Sicherheit des Patienten zu gewährleisten:
Phase 1: Stabilisierung
Dies ist der wichtigste Schritt. Bevor das Erlebte besprochen wird, muss der Patient Techniken erlernen, um mit akuten Belastungen umzugehen.
- Innere sichere Orte:
Imaginative Techniken zur Beruhigung. - Distanzierungstechniken:
Übungen, um Flashbacks zu stoppen (z.B. die 5-4-3-2-1-Methode zur Erdung).
Phase 2: Traumakonfrontation (Traumabearbeitung)
Erst wenn der Patient stabil genug ist, wird die traumatische Erinnerung gezielt bearbeitet.
- EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing):
Durch bilaterale Stimulation (z.B. Augenbewegungen) wird das Gehirn dabei unterstützt, das Trauma neu zu bewerten und „abzulegen“. - Narrative Expositionstherapie (NET):
Das Erlebte wird chronologisch in die eigene Lebensgeschichte eingeordnet.
Phase 3: Integration und Neuorientierung
Hier geht es darum, das Trauma als Teil der Vergangenheit zu akzeptieren und die Aufmerksamkeit wieder auf die Gestaltung der Zukunft zu richten. Der Fokus liegt auf der Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben.