Reaktanz
In der Psychologie ist Reaktanz ein motivationaler Zustand, der als Abwehrreaktion auf eine wahrgenommene Freiheitseinschränkung entsteht. Einfach gesagt: Wenn uns jemand etwas verbietet oder uns zu etwas drängen will, entsteht in uns ein massiver Widerstand, um unsere Autonomie wiederherzustellen.
Das Konzept wurde maßgeblich vom US-amerikanischen Sozialpsychologen Jack Brehm (1966) entwickelt.
Wie äußert sich Reaktanz?
Sobald eine Person das Gefühl hat, dass eine Verhaltensfreiheit bedroht ist, versucht sie, diese Freiheit „aufzuwerten“ oder zurückzugewinnen. Das zeigt sich meist durch:
- Direkte Wiederherstellung:
Man tut genau das, was verboten wurde (der klassische „Jetzt erst recht“-Effekt). - Indirekte Wiederherstellung:
Man führt eine ähnliche Handlung aus, die ebenfalls die Freiheit demonstriert. - Aggression/Abwertung:
Die Quelle der Einschränkung (z. B. der Therapeut, Chef oder Staat) wird abgewertet oder angegriffen. - Attraktivitätssteigerung:
Das verbotene Objekt oder Verhalten erscheint plötzlich viel erstrebenswerter als zuvor.
Faktoren, die die Stärke der Reaktanz bestimmen
Nicht jede Einschränkung führt zu gleich starkem Widerstand. Die Intensität hängt von drei Faktoren ab:
- Wichtigkeit der Freiheit:
Je bedeutsamer die bedrohte Freiheit für die Person ist, desto stärker die Reaktanz. - Umfang der Bedrohung:
Wie viel Freiheit wird weggenommen? (Ein punktuelles Verbot vs. eine dauerhafte Regel). - Stärke des Drucks:
Je aggressiver oder bevormundender der Druck ausgeübt wird, desto heftiger die Gegenreaktion.
Der Prozess der Reaktanzbildung
- Erwartung von Freiheit:
Die Person muss davon überzeugt sein, dass sie eine bestimmte Freiheit (zu handeln, zu denken oder zu entscheiden) tatsächlich besitzt. Ohne diesen Anspruch entsteht keine Reaktanz. - Wahrnehmung einer Bedrohung:
Eine äußere Quelle (eine Person, eine Regel, ein Gesetz) schränkt diese Freiheit ein oder droht dies zumindest an. - Entstehung von Reaktanz:
Dies ist der eigentliche psychische Spannungszustand. Er ist unangenehm und drängt zur Entladung. Die Stärke der Spannung korreliert direkt mit der Wichtigkeit der bedrohten Freiheit. - Reaktion (Wiederherstellung):
Die Person setzt Verhaltensweisen ein, um die Freiheit subjektiv oder objektiv zurückzugewinnen.
Die drei Reaktionspfade
Sobald das Modell die Stufe der „Reaktion“ erreicht, nutzt der Mensch meist einen dieser drei Wege:
1. Subjektive Aufwertung (Die kognitive Ebene)
Das verbotene Verhalten wird im Kopf massiv aufgewertet.
- Beispiel: Ein Lebensmittel, das aufgrund einer neuen Verordnung nicht mehr verkauft werden darf, gilt plötzlich als das „einzig wahre“ Qualitätsprodukt.
2. Direkte Wiederherstellung (Die Verhaltensebene)
Man führt genau die verbotene Handlung aus.
- Beispiel: Ein Jugendlicher raucht erst recht, nachdem die Eltern ein strenges Verbot ausgesprochen haben. In der Psychologie nennt man das auch den Booster-Effekt.
3. Indirekte Wiederherstellung (Die Ausweichebene)
Man führt eine Handlung aus, die der verbotenen ähnlich ist oder zeigt seine Freiheit in einem anderen Bereich besonders demonstrativ.
- Beispiel: Wenn man am Arbeitsplatz eine bestimmte Software nicht nutzen darf, ignoriert man stattdessen demonstrativ eine andere, weniger wichtige Arbeitsanweisung.
Praxisbeispiele
Reaktanz begegnet uns in fast allen Lebensbereichen:
- Erziehung:
Ein Kind will genau mit dem Spielzeug spielen, das gerade weggeräumt werden soll. - Marketing:
„Nur noch 3 Stück auf Lager!“ – Die künstliche Verknappung schränkt die Freiheit ein, sich Zeit für die Entscheidung zu lassen, was den Kaufreiz (Reaktanz gegen den Verlust der Option) erhöht. - Therapie:
Wenn ein Therapeut zu früh eine Diagnose stellt oder Verhaltensänderungen fordert, schaltet der Patient auf stur, um seine Selbstbestimmung zu wahren (daher ist die motivierende Gesprächsführung so wichtig).