Widerstand
Während wir im Alltag unter Widerstand (englisch: resistance) meist eine bewusste, willentliche Entscheidung (gegen eine politische Entscheidung, gegen eine Anweisung des Chefs oder gegen eine unfaire Behandlung) verstehen (vgl.: Reaktanz), beschreibt der Begriff in der Psychologie und Psychotherapie Prozesse, in denen eine Person sich – oft unbewusst – gegen Veränderung, Erkenntnis oder die therapeutische Arbeit wehrt.
Während der Begriff der Reaktanz die bewusste Reaktion auf Bevormundung beschreibt, sitzt der klassische Widerstand oft tiefer und ist eng mit Schutzmechanismen der Psyche verbunden.
Widerstand in der Psychoanalyse (Freud)
Sigmund Freud definierte Widerstand als alles, was den Fortschritt einer Heilung stört. Er sah darin kein böswilliges Verhalten des Patienten, sondern ein Zeichen dafür, dass man sich einem schmerzhaften Kern (einem verdrängten Konflikt) nähert.
- Funktion:
Schutz des Ichs vor Angst, Scham oder unerträglichen Erinnerungen. - Paradoxon:
Der Patient kommt in die Therapie, um sich zu verändern, aber ein Teil seiner Psyche kämpft massiv dafür, den Status Quo beizubehalten (da dieser sichere, wenn auch leidvolle Stabilität bietet).
Formen des Widerstands
Widerstand zeigt sich in der psychotherapeutischen Praxis oft sehr subtil.
| Form | Beispiel in der Praxis |
| Verspätung/Absagen | Der Patient kommt zu spät, „vergisst“ Termine oder hat plötzlich dringende Ausreden. |
| Schweigen | In der Sitzung fällt dem Patienten plötzlich „nichts mehr ein“. |
| Intellektualisierung | Es wird rein sachlich/theoretisch über Probleme geredet, um die eigentlichen Emotionen nicht spüren zu müssen. |
| Agieren (Acting Out) | Statt über Gefühle zu sprechen, handelt der Patient impulsiv außerhalb der Therapie (z. B. plötzliche Kündigung, Streit suchen). |
| Gefälliger Widerstand | Der Patient stimmt dem Therapeuten immer zu („Ja, Sie haben recht“), ändert aber im Alltag nichts. |
Das moderne Verständnis: Widerstand als Wegweiser
In der modernen Verhaltenstherapie oder systemischen Therapie wird Widerstand weniger als „Blockade“ und mehr als wertvolle Information gesehen.
„Widerstand ist die Art und Weise, wie der Patient seine Integrität schützt.“
Wenn Widerstand auftritt, bedeutet das meist:
- Das Tempo der Therapie ist zu hoch.
- Das Therapieziel ist (noch) nicht das Ziel des Patienten.
- Die therapeutische Beziehung ist gestört.
Umgang mit Widerstand
Therapeuten versuchen heute meist nicht mehr, den Widerstand zu „brechen“. Stattdessen wird er „gefloatet“ oder gewürdigt:
- Ansprechen:
„Ich bemerke, dass wir jedes Mal das Thema wechseln, wenn es um Ihre Mutter geht. Kann es sein, dass das gerade noch zu schwierig ist?“ - Validierung:
Den Schutzcharakter anerkennen („Es ist gut, dass Ihr System aufpasst, dass wir nicht zu schnell vorgehen“).
Abgrenzung zur Reaktanz
| Merkmal | Reaktanz | Widerstand |
| Kernmotiv | Wiederherstellung von Freiheit und Autonomie. | Schutz vor Angst, Schmerz oder Veränderung. |
| Bewusstseinsgrad | Meist (halb-)bewusst: „Ich lasse mir das nicht vorschreiben!“ | Oft unbewusst: „Ich weiß nicht, warum ich das nicht tun kann.“ |
| Auslöser | Druck von außen (Vorschriften, Verbote, Manipulation). | Druck von innen (drohende Selbsterkenntnis, Überforderung). |
| Emotion | Ärger, Wut, Trotz. | Angst, Scham, Unsicherheit. |