Realitätsprüfung
In der Psychologie ist die Realitätsprüfung (oder Realitätstestung) eine zentrale Funktion des Ichs, zwischen der inneren Welt (Gedanken, Wünsche, Ängste) und der objektiven Außenwelt zu unterscheiden. Sie ist das Fundament unserer Orientierung und Handlungsfähigkeit.
Realitätsprüfung ist zudem ein wesentliches Element der klinischen Diagnostik, aber auch eine Technik der Kognitiven Verhaltenstherapie, bei der irrationale Gedanken durch „sokratische Fragen“ auf ihren Realitätsgehalt überprüft und Beweise, die für oder gegen einen Gedanken sprechen, gesammelt werden.
Realitätsprüfung als Ich-Funktion
Man unterteilt diese Ich-Funktion meist in zwei Ebenen:
- Die formale Realitätsprüfung:
Die Fähigkeit, Sinneseindrücke korrekt einzuordnen.- Beispiel: „Höre ich die Stimme wirklich von außen (akustisch) oder ist es ein Gedanke in meinem Kopf?“
- Die inhaltliche Realitätsprüfung:
Die logische Bewertung von Bedeutungen.- Beispiel: „Lachen die Leute dort hinten über einen Witz oder lachen sie über mich, um mich zu verfolgen?“
Klinische Bedeutung und Diagnostik
In der psychologischen Diagnostik ist der Status der Realitätsprüfung das entscheidende Kriterium zur Unterscheidung psychischer Zustände:
| Status | Beschreibung | Vorkommen |
| Intakt | Unterscheidung zwischen Fantasie und Realität gelingt; Korrektur von Fehlern möglich. | Gesunde Psyche, Neurosen. |
| Eingeschränkt | Wahrnehmung ist durch starke Gefühle verzerrt (z. B. Panik), aber noch durch Fakten korrigierbar. | Depression, Angststörungen. |
| Aufgehoben | Die Grenze bricht zusammen; Wahn oder Halluzinationen werden als absolute Realität erlebt. | Psychosen, Schizophrenie. |
Realitätsprüfung als therapeutische Technik (KVT)
In der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) ist die Realitätsprüfung ein wirkungsvolles Werkzeug, um dysfunktionale Denkmuster aufzubrechen. Es geht darum, Gedanken nicht als unumstößliche Fakten, sondern als Hypothesen zu behandeln, die überprüft werden müssen.
Der therapeutische Prozess
Der Therapeut unterstützt den Klienten dabei, eine distanzierte Beobachterrolle gegenüber den eigenen Grundannahmen einzunehmen. Dieser Prozess verläuft meist in drei Schritten:
- Identifikation:
Ein belastender Gedanke wird isoliert (z. B. „Wenn ich einen Fehler mache, halten mich alle für unfähig“). - Sokratischer Dialog:
Durch gezieltes Nachfragen werden Beweise für und gegen diesen Gedanken gesammelt. - Verhaltensexperiment:
Der Klient testet die Annahme in der realen Welt.
Das Verhaltensexperiment
Dies ist der Kern der Realitätsprüfung in der KVT. Statt nur darüber zu reden, wird gehandelt.
- Beispiel (Soziale Angst):
Ein Klient glaubt, dass alle ihn anstarren und auslachen, wenn er in einem Café etwas verschüttet. - Das Experiment:
Der Klient verschüttet absichtlich ein wenig Wasser und beobachtet die tatsächlichen Reaktionen der Umwelt (meist: niemand bemerkt es oder jemand hilft kurz). - Die Auswertung:
Die ursprüngliche Katastrophenphantasie wird durch die objektive Erfahrung korrigiert.
Techniken zur Distanzierung
Um die Realitätsprüfung zu erleichtern, werden oft folgende Methoden genutzt:
-
Entkatastrophisieren:
„Was wäre das Schlimmste, das passieren könnte? Wie wahrscheinlich ist das?“ - Reattribuierung:
Prüfung alternativer Ursachen (z. B. „Der Freund hat nicht zurückgeschrieben, weil er gestresst ist, nicht weil er mich hasst“). - Perspektivwechsel:
„Was würde ich einem guten Freund raten, der diesen Gedanken hat?“
4. Abgrenzung zur Realitätsprüfung in der Psychose
In der KVT arbeitet man mit Menschen, deren Realitätsprüfung im klinischen Sinne prinzipiell intakt, aber durch kognitive Verzerrungen (wie Schwarz-Weiß-Denken oder emotionales Beweisführen) getrübt ist. Bei einer Psychose hingegen kann diese Technik an ihre Grenzen stoßen, da der Wahn für den Betroffenen unkorrigierbar ist.
Zusammenfassend ist die Realitätsprüfung in der KVT eine Technik zur empirischen Überprüfung automatischer negativer Gedanken durch logische Analyse und gezielte Verhaltensexperimente, um kognitive Verzerrungen aufzulösen.