Unsicherheit
Unsicherheit ist ein wichtiges Thema in der Psychologie und Psychotherapie, da sie in vielen psychischen Phänomen, aber auch vielen psychischen Störungen – von der Angststörung bis hin zum mangelnden Selbstwert – beteilligt ist oder ihnen gar zugrunde liegt.
Psychologisch betrachtet ist Unsicherheit der Zustand, in dem wir eine Situation nicht eindeutig bewerten können oder uns unsere eigenen Fähigkeiten zur Bewältigung nicht zutrauen.
Die zwei Arten der Unsicherheit
Man unterscheidet in der Regel zwischen zwei Ebenen:
- Situative Unsicherheit:
Man ist in einer völlig neuen Situation (z. B. erster Tag im neuen Job). Das ist normal, funktional und schärft die Aufmerksamkeit. - Charakterologische Unsicherheit:
Eine generelle Tendenz, sich selbst und der Welt zu misstrauen. Hier wird die Unsicherheit zum Dauerbegleiter und oft zum Leidensdruck.
Ursachen: Warum fühlen wir uns unsicher?
Die Psychologie sieht hier drei Hauptquellen:
- Biologische Komponente:
Manche Menschen werden mit einem sensibleren Nervensystem geboren (Stichwort: Behavioral Inhibition). Sie reagieren auf Neues schneller mit Rückzug. - Bindungserfahrung:
Wer als Kind keine „sichere Basis“ bei den Bezugspersonen hatte, entwickelt oft ein tiefes Misstrauen in die eigenen Impulse und die Verlässlichkeit der Umwelt. - Kognitive Verzerrungen:
Wer ständig katastrophisiert oder perfektionistisch ist, erzeugt durch seine Gedankenwelt permanent Unsicherheit.
Die psychologischen Mechanismen dahinter
Wenn wir uns unsicher fühlen, versucht unser Gehirn, diesen unangenehmen Zustand zu beenden. Dabei entstehen oft problematische Muster:
- Rückversicherungsverhalten:
Ständiges Nachfragen bei anderen („War das okay?“, „Siehst du das auch so?“). Das lindert kurz die Angst, schwächt aber langfristig das Selbstvertrauen. - Vermeidung:
Man geht Situationen aus dem Weg, in denen man sich unsicher fühlen könnte. Dadurch lernt das Gehirn aber nie, dass man die Situation eigentlich bewältigen könnte. - Kontrollzwang:
Der Versuch, durch exzessive Planung (Listen, Checks, Regeln) die Unwägbarkeiten des Lebens auszuschalten.
Unsicherheit bei verschiedenen Störungsbildern
In der klinischen Psychologie ist Unsicherheit oft der funktionale Kern oder der Motor, der psychische Störungen aufrechterhält. Man spricht hierbei von der Unfähigkeit, eine „kognitive Schließung“ zu erreichen – das Gehirn findet keinen Punkt, an dem es eine Sache als „erledigt“ oder „sicher“ abspeichern kann. Das spielt eine wesentliche Rolle bei einer Reihe von Störungsbildern.
Generalisierte Angststörung (GAS): Die Intoleranz von Ungewissheit
Bei der GAS ist die Unsicherheit das Hauptsymptom. Betroffene leiden unter einer massiven Ungewissheitsintoleranz.
- Der Mechanismus:
Jede kleine Unklarheit in der Zukunft wird als unerträglich empfunden. - Die Reaktion:
Sorgenketten („Was wäre wenn…“). Das Gehirn versucht, durch das Durchspielen aller Katastrophenszenarien eine scheinbare Kontrolle zu gewinnen, was jedoch nur zu noch mehr Unsicherheit führt.
Zwangsstörung (OCD): Das pathologische Zweifeln
Die Zwangsstörung wird oft als die „Krankheit des Zweifels“ bezeichnet. Hier ist die Unsicherheit auf die eigene Wahrnehmung oder Handlung bezogen.
- Der Mechanismus:
„Habe ich den Herd wirklich ausgeschaltet?“ Trotz visuellem Beweis bleibt ein Restfunke Unsicherheit bestehen. - Die Reaktion:
Zwangshandlungen (Kontrollieren, Waschen). Das Ziel ist es, eine 100-prozentige Sicherheit zu erreichen, die es im Leben jedoch nicht gibt. Da das Gefühl von „Genuiness“ (Echtheit) fehlt, muss die Handlung ständig wiederholt werden.
Zwanghafte Persönlichkeitsstörung (OCPD)
Hier spielt Unsicherheit eine ganz spezifische Rolle: Sie wird durch extreme Struktur und Perfektionismus kompensiert.
- Der Mechanismus:
Die Angst vor dem Unvorhersehbaren:
Der Kernmechanismus ist eine tief sitzende Intoleranz gegenüber Fehlern und Mehrdeutigkeiten (fehlende Ambuguitätstoleranz). Jede Situation, die nicht zu 100 % kontrollierbar ist, wird als Bedrohung des Selbstwerts erlebt. Das Gehirn wertet „vielleicht falsch liegen“ als „total versagen“. - Die Reaktion:
Kompensation durch Rigidität:- Perfektionismus:
Aufgaben werden so lange bearbeitet, bis sie „perfekt“ sind, was oft dazu führt, dass sie nie fertig werden (Prokrastination durch Detailverlust). - Regel-Eskalation:
Erstellung von Listen, Plänen und Protokollen für trivialste Abläufe, um den Zufall auszuschalten. - Horten und Sparen:
Materielle Sicherheit und das Aufheben von Dingen dienen als Puffer gegen eine ungewisse Zukunft. - Delegationsunfähigkeit:
Aufgaben werden nicht abgegeben, weil die Unsicherheit darüber, ob andere es „richtig“ machen, unerträglich ist.
- Perfektionismus:
Soziale Phobie: Unsicherheit über die Fremdbewertung
Hier bezieht sich die Unsicherheit auf das soziale Selbstbild und die Reaktion anderer.
- Der Mechanismus:
„Wie wirke ich auf andere? Was denken sie über mich?“ - Die Reaktion:
Sicherheitsverhalten (Blickkontakt vermeiden, Sätze im Kopf vorkonstruieren). Die Unsicherheit über die eigene soziale Kompetenz führt zur ständigen Selbstbeobachtung.
Depression: Die Unsicherheit über den Selbstwert
In der Depression ist die Unsicherheit oft retrospektiv und global.
- Der Mechanismus:
„War meine Entscheidung falsch? Bin ich überhaupt fähig, mein Leben zu führen?“ - Die Reaktion:
Grübeln (Rumination) und Entscheidungsunfähigkeit. Die Unsicherheit führt hier oft zu einer kompletten Lähmung (Abulie), da jede Handlung als potenzieller Fehler gesehen wird.
Der Teufelskreis der pathologischen Unsicherheit
| Komponente | Prozess |
| Trigger | Eine Situation mit offenem Ausgang (z.B. eine ungelesene Nachricht). |
| Fehlbewertung | „Ich halte diese Ungewissheit nicht aus. Es wird bestimmt etwas Schlimmes sein.“ |
| Bewältigungsversuch | Grübeln, Rückversicherung, Kontrolle oder Vermeidung. |
| Langzeitfolge | Die Toleranz für Unsicherheit sinkt weiter; das Selbstvertrauen schwindet. |
Warum ist Unsicherheit so „anstrengend“?
Das Gehirn ist eine Prediction Machine (Vorhersage-Maschine). Sein Hauptjob ist es, die Zukunft vorherzusagen, um Energie zu sparen.
- Sicherheit bedeutet:
Das Gehirn kann in den Energiesparmodus. - Unsicherheit bedeutet:
Das Gehirn muss permanent scannen, Ressourcen bereitstellen und ist im Alarmzustand.
Bei psychischen Störungen ist dieser „Scanner“ defekt: Er meldet auch dann noch Gefahr, wenn objektiv Sicherheit besteht oder wenn die Ungewissheit zum normalen Lebensrisiko gehört.
Therapeutischer Ansatz
In der Therapie geht es meist nicht darum, die Unsicherheit zu beseitigen (da das Leben unsicher bleibt), sondern die Bewertung der Unsicherheit zu verändern: Weg von „Unsicherheit ist eine Bedrohung“ hin zu „Unsicherheit ist eine Information, die ich aushalten kann“.