Paradoxe Intention
Die Paradoxe Intention ist eine Technik, die ursprünglich von Viktor Frankl (Begründer der Logotherapie) entwickelt wurde. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass viele Probleme durch die Angst vor der Angst oder durch den Kampf gegen ein Symptom (Rebound-Effekt) erst chronisch werden.
Die Methode kehrt den Spieß um: Anstatt gegen das Symptom anzukämpfen, wird der Patient angewiesen, das Symptom absichtlich und massiv herbeizuführen.
Die Logik hinter dem Paradoxon
Der Mechanismus greift die „ironischen Prozesse“ im Gehirn an. Wenn man versucht, ein Symptom absichtlich zu erzeugen, entzieht man ihm die Grundlage – nämlich die Angst davor.
- Der Teufelskreis:
„Ich darf nicht zittern“ –> Stress steigt –> Zittern wird schlimmer. - Die paradoxe Wende:
„Ich will jetzt so stark zittern, dass der ganze Boden bebt“ –> Fokus verschiebt sich –> Die Anspannung (und damit das Zittern) lässt nach.
Typische Anwendungsbereiche
| Problem | Die paradoxe Anweisung |
| Einschlafstörung | „Versuche heute Abend so lange wie möglich wach zu bleiben und die Augen weit aufzureißen.“ |
| Erröten (Erythrophobie) | „Nimm dir vor, vor deinen Kollegen so rot wie eine Tomate zu werden.“ |
| Zittern (Tremor) | „Zeig allen mal, wie man richtig ordentlich zittert.“ |
| Stottern | „Versuche bei diesem Telefonat absichtlich bei jedem zweiten Wort hängen zu bleiben.“ |
Warum funktioniert das?
Es gibt drei psychologische Haupteffekte:
- Distanzierung:
Durch den bewussten Entschluss, das Symptom herbeizuführen, distanzierst du dich von deiner Opferrolle. Du wirst vom „Erleider“ zum „Regisseur“ des Symptoms. - Unterbrechung der Erwartungsangst:
Das Symptom verliert seinen Schrecken, weil du es nicht mehr fliehst, sondern suchst. Ohne Fluchtimpuls sinkt das Adrenalin. - Humor:
Frankl betonte oft die Rolle des Humors. Wenn man sich vornimmt, „einen Weltrekord im Schwitzen“ aufzustellen, gewinnt man eine humorvolle Distanz zu sich selbst, die Verspannungen löst.
Wichtige Grenzen
Die paradoxe Intention ist kein Allheilmittel und erfordert Fingerspitzengefühl:
- Sie funktioniert hervorragend bei funktionellen Störungen (Schlaf, Angst, Erröten).
- Sie ist nicht geeignet bei schweren Depressionen oder Suizidalität.
- Sie muss mit einer gewissen Ironie oder spielerischen Haltung durchgeführt werden, um nicht in echten Stress auszuarten.
Eine kurze Übung für zwischendurch
Wenn du das nächste Mal nervös bist (z.B. vor einer Präsentation), probier es aus:
Anstatt zu denken: „Hoffentlich merkt keiner, dass ich schwitze“, sage dir innerlich: „Ich werde jetzt so viel schwitzen, dass ich den ganzen Raum unter Wasser setze!“ Meistens merkst du sofort ein kurzes inneres Schmunzeln – und genau das ist der Moment, in dem die Anspannung bricht.