Paradoxe Intervention
Die paradoxe Intervention ist eine psychotherapeutische und beraterische Technik aus der Systemischen Therapie, bei der Klienten aufgefordert werden, genau das problematische Verhalten zu verstärken oder herbeizuführen, das sie eigentlich ändern wollen. Ziel ist es, durch die „Symptomverschreibung“ Widerstände zu umgehen, kognitive Dissonanz zu erzeugen und die Steuerbarkeit des Verhaltens bewusst zu machen, um so eine Lösung zu initiiere. Hier agiert der Therapeut oft wie ein „Störsender“ für festgefahrene Systeme.
Der Grundgedanke: Wenn ein direkter Veränderungswunsch („Hör auf zu streiten!“) nur zu Widerstand führt, verschreibt der Therapeut das Problem einfach.
Der Mechanismus: Die therapeutische Doppelbindung
Die paradoxe Intervention nutzt den menschlichen Widerstandsgeist (Reaktanz). Der Therapeut bringt den Patienten (oder das System) in eine Zwickmühle:
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Wenn der Patient der Anweisung folgt („Streiten Sie diese Woche jeden Abend genau 20 Minuten“), gewinnt er die Kontrolle über das bisher unkontrollierbare Symptom. Es ist kein Zufall mehr, sondern eine bewusste Handlung.
- Wenn der Patient der Anweisung widerspricht (also nicht streitet), hat er das Symptom aufgegeben.
In beiden Fällen bricht das alte, automatische Muster zusammen.
Arten der paradoxen Intervention
1. Symptomverschreibung (Prescribing the Symptom)
Der Patienten wird angewiese, das zu tun, was er eigentlich loswerden will.
- Beispiel:
Ein Paar, das sich ständig streitet, bekommt die Hausaufgabe, sich jeden Dienstag und Donnerstag von 19:00 bis 19:30 Uhr intensiv zu streiten – inklusive Stoppuhr. - Effekt:
Der spontane, emotionale Streit wird zur lästigen Pflichtaufgabe. Die Spontanität geht verloren, und das Paar gewinnt die Macht über das Verhalten zurück.
2. Rückfall-Warnung (Restraining)
Der Therapeut warnt vor einer zu schnellen Veränderung.
- Satz:
„Ich bin mir nicht sicher, ob Sie schon bereit sind, weniger zu grübeln. Vielleicht brauchen Sie das Grübeln noch, um sich sicher zu fühlen. Lassen Sie uns lieber langsam machen.“ - Effekt:
Das provoziert den Patienten oft dazu, zu beweisen, dass er doch schon bereit für die Veränderung ist. Es nimmt zudem den Leistungsdruck („Ich muss mich ändern“) weg.
3. Umdeuten (Reframing)
Dem negativen Symptom wird ein positiver Sinn gegeben.
- Beispiel:
Die Eifersucht eines Partners wird als „große Fürsorge und Bewunderung für die Attraktivität des anderen“ umgedeutet. - Effekt:
Wenn das Verhalten einen neuen Namen bekommt, ändert sich die Reaktion des Gegenübers, und das alte Spiel funktioniert nicht mehr.
Vergleich: Intention vs. Intervention
| Merkmal | Paradoxe Intention | Paradoxe Intervention |
| Ursprung | Logotherapie (Viktor Frankl) | Systemische Therapie (Watzlawick, Haley) |
| Fokus | Das Individuum und seine Angst | Das soziale System und seine Muster |
| Ziel | Angstabbau durch „Symptom-Wunsch“ | Verhaltensänderung durch „Widerstand“ |
| Haltung | Humorvoll, gemeinsam mit dem Patienten | Oft strategisch, konfrontierend |
Warum macht man das?
In der Psychologie man das Musterunterbrechung. Viele psychische Probleme sind wie ein festgefahrener Plattenspieler. Ein logischer Ratschlag ist oft nur ein weiteres Kratzen in der Rille. Die paradoxe Intervention ist der „Stoß gegen das Gerät“, der die Nadel an eine ganz andere Stelle springen lässt.
Wichtig: Diese Technik erfordert ein sehr stabiles Vertrauensverhältnis zwischen Therapeut und Patient. Ohne dieses Vertrauen wirkt die Intervention zynisch oder manipulativ.