Distanzierung
In der Psychologie beschreibt Distanzierung die Fähigkeit, eine objektive oder beobachtende Perspektive zu den eigenen Emotionen, Gedanken oder einer belastenden Situation einzunehmen. Es geht nicht darum, Gefühle zu verdrängen, sondern den „inneren Raum“ zu vergrößern, um handlungsfähig zu bleiben.
Davon abzugrenzen ist die pathologische Entfremdung, die Dissoziation, die unwillkürlich & reflexartig geschieht und eine automatische Überlastungsreaktion darstellt.
Formen der Distanzierung
Es gibt verschiedene Ansätze, wie Distanzierung in der Therapie und im Alltag genutzt wird:
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Kognitive Distanzierung (Self-Distancing):
Man betrachtet sich selbst aus der „Drittperspektive“ (z. B. indem man in Gedanken seinen Namen statt „ich“ verwendet). Das reduziert die emotionale Reaktivität bei Stress. -
Emotionale Distanzierung:
Ein Schutzmechanismus, um sich von überwältigenden Emotionen oder toxischen sozialen Dynamiken abzugrenzen. -
Kognitive Defusion:
Ein Kernkonzept der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT). Man lernt, Gedanken als das zu sehen, was sie sind – bloße Worte oder Bilder –, und nicht als absolute Wahrheiten
Techniken zur Umsetzung
Um Distanz zu gewinnen, werden oft folgende Methoden angewandt:
| Technik | Beschreibung | Ziel |
| Zeitliche Distanz | „Wie werde ich in 10 Jahren darüber denken?“ | Relativierung der aktuellen Krise. |
| Räumliche Distanz | Den Ort des Geschehens verlassen oder sich die Situation von oben vorstellen. | Reduktion der unmittelbaren Betroffenheit. |
| Metaphern | Gedanken wie „Wolken am Himmel“ vorbeiziehen lassen. | Loslassen von Grübelzwängen. |
Abgrenzung zur pathologischen Entfremdung
Einordnung im klinischen Kontext
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Funktionaler Selbstschutz:
Dies ist eine Coping-Strategie. Ein Notarzt muss sich emotional vom Unfallgeschehen distanzieren, um medizinisch korrekt zu handeln. Er bleibt dabei „bei sich“. -
Pathologische Entfremdung:
Hier greifen massive Abwehrmechanismen. Bei der Depersonalisation erlebt sich die Person als fremder Beobachter ihrer selbst, oft ohne Kontrolle darüber zu haben. Das Erleben ist fragmentiert, nicht integriert.
Der entscheidende Faktor ist die Flexibilität. Funktionaler Schutz lässt sich „an- und ausschalten“; pathologische Entfremdung ist ein starrer Schutzwall, der den Kontakt zur Realität und zum eigenen Ich dauerhaft beeinträchtigt.
| Merkmal | Funktionaler Selbstschutz (Distanzierung) | Pathologische Entfremdung (Dissoziation/Depersonalisation) |
| Steuerung | Willentlich & bewusst. Man entscheidet sich, kurz „aus dem Bild zu treten“. | Unwillkürlich & reflexartig. Geschieht automatisch als Überlastungsreaktion. |
| Realitätsbezug | Bleibt vollständig erhalten. Man weiß, dass man sich gerade distanziert. | Gefühl von Unwirklichkeit (Derealisation) oder Fremdheit im eigenen Körper (Depersonalisation). |
| Zielsetzung | Erhalt der Handlungsfähigkeit und Emotionsregulation. | Vermeidung unerträglicher Schmerzen oder Traumata. |
| Dauer | Temporär und situationsbezogen. | Oft chronisch oder anhaltend über die Belastung hinaus. |
| Ergebnis | Psychische Entlastung bei gleichbleibender Selbstwahrnehmung. | Identitätsverlust oder Gefühl der inneren Leere/Taubheit. |
Nutzen vs. Risiko
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Positiv:
Distanzierung schützt vor Burnout (besonders in sozialen Berufen), hilft bei der Emotionsregulation und ermöglicht sachliche Problemlösungen. -
Negativ:
Wenn Distanzierung chronisch wird oder als Flucht dient, kann sie in Dissoziation oder emotionale Taubheit übergehen. Man verliert dann den Kontakt zu sich selbst und anderen.
Zusammenfassung: Distanzierung ist die Fähigkeit, eine beobachtende oder objektive Perspektive gegenüber eigenen emotionalen Zuständen, Kognitionen oder externen Belastungsfaktoren einzunehmen. Ziel ist die Steigerung der Selbstregulationsfähigkeit und die Reduktion von unmittelbarer emotionaler Reaktivität.