Emotionale Reaktivität

Unter emotionaler Reaktivität versteht man das Ausmaß, in dem eine Person auf einen emotionalen Reiz anspricht. Es beschreibt, wie schnell, wie intensiv und wie lange jemand auf äußere oder innere Ereignisse emotional reagiert.

In der Psychologie wird sie oft als stabiles Persönlichkeitsmerkmal (Teil des Temperaments) betrachtet.

Die drei Dimensionen der emotionalen Reaktivität

Um die Reaktivität einer Person zu bewerten, betrachtet man meist drei Aspekte:

  1. Reizschwelle (Sensitivität):
    Wie stark muss ein Reiz sein, um eine Emotion auszulösen? Menschen mit hoher Reaktivität reagieren bereits auf minimale Veränderungen oder subtile soziale Signale.
  2. Intensität:
    Wie stark ist die emotionale Antwort? Reicht die Reaktion von milder Irritation bis hin zu überwältigender Wut oder Trauer?
  3. Dauer (Abklingzeit):
    Wie lange braucht die Person, um nach einer emotionalen Erregung wieder in den Ausgangszustand (Baseline) zurückzukehren?

Biologische und psychologische Grundlagen

Emotionale Reaktivität ist eng mit dem autonomen Nervensystem verknüpft. Bei hochreaktiven Personen springt das Sympathikus-System (Zuständig für die „Fight-or-Flight“-Reaktion) schneller an.

  • Amygdala:
    Diese Hirnstruktur fungiert als „Alarmanlage“. Eine hohe Reaktivität korreliert oft mit einer sehr aktiven Amygdala.
  • Präfrontaler Kortex:
    Dieser Teil des Gehirns ist für die Regulation zuständig. Er versucht, die Impulse der Amygdala zu dämpfen. Bei hoher emotionaler Reaktivität gelingt diese Kontrolle oft erst verzögert.

Emotionale Reaktivität am Beispiel der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) ist eine extrem gesteigerte emotionale Reaktivität das Kernmerkmal. Das biosoziale Modell von Marsha Linehan erklärt diesen Zusammenhang sehr präzise:

Die biologische Komponente: Das „emotionale Immunsystem“

Menschen mit BPS haben eine biologische Disposition, die ihr emotionales System extrem empfindlich macht. Das lässt sich in drei Punkten zusammenfassen:

  • Niedrige Reizschwelle:
    Emotionen werden bereits durch kleinste Auslöser getriggert, die andere kaum wahrnehmen.
  • Maximale Intensität:
    Die Gefühle (Wut, Angst, Scham) schnellen sofort auf ein Maximum (100%) hoch.
  • Langsames Abklingen:
    Es dauert deutlich länger als beim Durchschnitt, bis das Nervensystem wieder zur Ruhe kommt.

Die soziale Komponente: Das invalidierende Umfeld

Wenn diese hohe Reaktivität auf eine Umwelt trifft, die Gefühle als „falsch“, „übertrieben“ oder „unangemessen“ abtut (Invalidierung), lernt der Betroffene nicht, seine Emotionen zu regulieren. Das führt zu einem Teufelskreis: Die Person vertraut ihren eigenen Gefühlen nicht mehr und reagiert noch heftiger, um überhaupt gehört zu werden.

Der Zusammenhang mit dem Verhalten

Da die emotionale Spannung bei hoher Reaktivität oft unerträglich wird, greifen Betroffene zu „dysfunktionalen“ Lösungsstrategien, um den Druck schnell zu senken:

  • Selbstverletzung:
    Der physische Schmerz dient als „Notbremse“, um die emotionale Überflutung zu stoppen.
  • Impulsivität:
    Sofortiges Handeln, um das quälende Gefühl loszuwerden.

Bei Borderline wirkt die emotionale Reaktivität wie ein hochempfindlicher Rauchmelder, der schon bei einer brennenden Kerze einen Großalarm auslöst und sich nur sehr schwer wieder ausschalten lässt.

Reaktivität vs. Regulation

Es ist wichtig, zwischen der Reaktivität (dem automatischen „Anspringen“) und der Emotionsregulation (dem bewussten Umgang damit) zu unterscheiden:

Merkmal Reaktivität Regulation
Natur Automatisch, biologisch verankert. Erlernt, strategisch, kognitiv.
Zeitpunkt Unmittelbar beim Reiz. Kurz nach Einsetzen der Emotion.
Beispiel Erschrecken und Herzrasen bei Kritik. Tief durchatmen, um ruhig zu antworten.

Zusammenfassung

Emotionale Reaktivität bezeichnet die individuelle Empfindlichkeit und Intensität, mit der ein Mensch auf emotionale Reize antwortet, sowie die Zeitspanne, die er benötigt, um emotional wieder zur Ruhe zu kommen.