Erwartungsangst

Unter Erwartungsangst (engl. anticipatory anxiety, oft als „Angst vor der Angst“ oder Antizipatorische Angst bezeichnet) versteht man die psychische Antizipation einer bedrohlichen oder unangenehmen Situation oder eines körperlichen Symptoms. Man leidet also nicht erst in der Situation selbst, sondern bereits durch die bloße Vorstellung, dass sie eintreten könnte.

Die Erwartungsangst ist ein komplexes Phänomen, das tief in unsere kognitiven und neurobiologischen Prozesse eingreift. Um sie ausführlicher zu verstehen, müssen wir uns die Dynamik zwischen Gedanken, Körper und Verhalten genauer ansehen.

Der kognitive Prozess: „Was wäre, wenn…?“

Erwartungsangst beginnt fast immer mit einer kognitiven Verzerrung, dem sogenannten Katastrophisieren.

  • Szenarienbildung:
    Das Gehirn entwirft Worst-Case-Szenarien. Dabei wird die Wahrscheinlichkeit eines negativen Ereignisses überschätzt und die eigene Fähigkeit, damit umzugehen (Coping-Strategien), unterschätzt.
  • Gedankliche Fixierung:
    Man ist nicht mehr im „Hier und Jetzt“, sondern lebt psychisch bereits in einer angstbesetzten Zukunft. Dies führt zu einer dauerhaften Stressbelastung des Nervensystems.

Die neurobiologische Komponente

Obwohl keine reale Gefahr besteht, aktiviert die bloße Vorstellung einer Bedrohung das Limbische System, insbesondere die Amygdala.

  • Fehlalarm:
    Die Amygdala kann nicht zwischen einer realen Gefahr (einem angreifenden Hund) und einer vorgestellten Gefahr (der Angst, sich zu blamieren) unterscheiden.
  • Hormonausschüttung:
    Es werden Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Der Körper befindet sich in einem Zustand der „frozen fear“ oder der ständigen Alarmbereitschaft, was zu chronischer Erschöpfung führen kann.

Der Teufelskreis nach dem Modell von Ehlers und Clark

In der klinischen Psychologie wird oft das Modell der Rückkopplung genutzt, um zu erklären, warum Erwartungsangst so stabil bleibt:

  1. Auslöser:
    Ein Gedanke oder ein körperlicher Reiz (z. B. leichter Schwindel).
  2. Wahrnehmung:
    Man fokussiert sich sofort darauf (Hypervigilanz).
  3. Fehlinterpretation (Katastrophisieren):
    „Das ist der Anfang vom Ende.“
  4. Angststeigerung:
    Die Angst steigt, was wiederum die körperlichen Symptome (Schwindel, Herzrasen) verstärkt.
  5. Bestätigung:
    Die Person denkt: „Ich wusste es, mir geht es schlecht.“ Die Erwartungsangst für das nächste Mal ist damit „gelernt“.

Sicherheitsverhalten: Die unsichtbare Falle

Ein entscheidender Aspekt der Erwartungsangst ist das Sicherheitsverhalten. Im Gegensatz zur Flucht (Vermeidung) begibt sich die Person zwar in die Situation, wendet aber Strategien an, um sich „abzusichern“:

  • Beispiel: Man geht auf eine Party, setzt sich aber direkt neben den Ausgang oder hält sich krampfhaft an einem Glas fest.
  • Das Problem: Man führt das Ausbleiben der Katastrophe auf das Sicherheitsverhalten zurück („Ich bin nur nicht umgekippt, weil ich mich am Glas festgehalten habe“) und nicht auf die eigene Belastbarkeit. Die Angst bleibt somit bestehen.

Therapeutische Ansätze

Um die Erwartungsangst zu durchbrechen, setzt die Psychologie an zwei Stellen an: