Homöostase
In der Psychologie beschreibt die Homöostase das Bestreben eines lebenden Systems, einen stabilen inneren Gleichgewichtszustand aufrechtzuerhalten. Ursprünglich aus der Biologie bzw. Physiologie stammend, wurde das Konzept auf psychische Prozesse übertragen, um zu erklären, wie Bedürfnisse und Motivationen entstehen.
Das Grundprinzip ist einfach: Wenn eine Abweichung vom Soll-Zustand auftritt, entsteht eine Spannung (ein „Trieb“), die das Individuum dazu veranlasst, das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Das kybernetische Modell (Regelkreis)
Psychologische Homöostase funktioniert wie ein Thermostat. Man kann sie in vier Schritten beschreiben:
- Soll-Wert:
Der optimale Zustand (z. B. emotionale Sicherheit oder Sättigung). - Ist-Wert:
Der aktuelle Zustand (z. B. Einsamkeit oder Hunger). - Ist-Soll-Diskrepanz:
Ein Mangel oder eine Störung wird registriert. Dies erzeugt eine psychische Spannung. - Korrekturverhalten:
Eine Handlung wird eingeleitet, um das Gleichgewicht wiederherzustellen (z. B. Freunde anrufen oder Essen suchen).
Zentrale Anwendungsbereiche in der Psychologie
Triebreduktionstheorie (Clark Hull)
Nach Hull ist jedes Verhalten darauf ausgerichtet, physiologische Bedürfnisse (Hunger, Durst, Sex) zu befriedigen. Ein biologisches Defizit erzeugt einen Trieb (Drive), der als unangenehm empfunden wird. Die Reduktion dieses Triebes wirkt verstärkend und stellt die Homöostase wieder her.
Emotionale Homöostase
Menschen versuchen, ihr emotionales Befinden in einem tolerierbaren Bereich zu halten.
- Bei zu viel Stress (Überstimulation) suchen wir Ruhe.
- Bei zu viel Langeweile (Unterstimulation) suchen wir Reize.
Dieses Prinzip ist eng mit dem Yerkes-Dodson-Gesetz verknüpft, das besagt, dass wir bei mittlerer Erregung am leistungsfähigsten sind.
Kognitive Dissonanz (Leon Festinger)
Die Theorie der kognitiven Dissonanz lässt sich als Streben nach kognitiver Homöostase verstehen. Wenn unsere Überzeugungen nicht mit unserem Handeln übereinstimmen, entsteht eine unangenehme Spannung. Wir verändern dann entweder unser Verhalten oder unsere Einstellung, um die innere Konsistenz (das Gleichgewicht) wiederherzustellen.
Kritik und Erweiterung: Allostase
Das reine Homöostase-Modell hat Grenzen, da Menschen nicht nur passiv auf Mängel reagieren, sondern auch aktiv nach Wachstum und neuen Herausforderungen suchen.
- Allostase:
Hierbei geht es darum, Stabilität durch Veränderung zu erreichen. Der Körper und die Psyche passen ihre Soll-Werte an die Umweltbedingungen an (z. B. erhöhter Blutdruck in einer dauerhaften Stresssituation). - Wachstumsmotivation:
In der humanistischen Psychologie (z. B. Maslow) wird betont, dass Menschen über die bloße Mangelbehebung hinausgehen wollen (Selbstverwirklichung), was oft bedeutet, das Gleichgewicht kurzzeitig bewusst zu stören.