Allostase
Allostase (engl. Allostasis) bezeichnet in der Psychologie den aktiven Prozess des Organismus, über physiologische und psychische Veränderungen (z. B. Anpassung von Blutdruck, Hormonspiegel oder Emotionen) ein dynamisches Gleichgewicht aufrechtzuerhalten, um den Anforderungen der Umwelt gerecht zu werden.
Während die Homöostase das Ziel verfolgt, einen festen Soll-Wert (wie eine konstante Körpertemperatur) beizubehalten, beschreibt die Allostase den Prozess, durch den der Organismus Stabilität durch Veränderung erreicht.
Um die Allostase wirklich zu verstehen, müssen wir uns ansehen, wie das Gehirn Belastungen „vorhersieht“ und warum dieses eigentlich geniale System uns im modernen Alltag chronisch krank machen kann.
Das Prinzip der prädiktiven Regulation
Der entscheidende Unterschied zur Homöostase ist die Antizipation.
- Homöostase reagiert erst, wenn ein Mangel auftritt (reaktiv).
- Allostase nutzt Erfahrungen, um den Körper auf kommende Anforderungen vorzubereiten (proaktiv).
Wenn du morgens den Wecker hörst, schüttet dein Körper bereits Cortisol aus und erhöht den Blutdruck, bevor du überhaupt den ersten Schritt aus dem Bett machst. Dein Gehirn „weiß“, dass du gleich Energie brauchst. Diese effiziente, bedarfsgerechte Anpassung ist Allostase.
Die vier Typen allostatischer Belastung
Bruce McEwen hat vier Szenarien definiert, wie dieses System unter (psychischem) Stress versagen kann:
- Wiederholte Belastung:
Zu viele Stressereignisse in kurzer Folge (z. B. eine Pechsträhne oder ein hochstressiger Job). Das System hat keine Zeit zur Erholung. - Mangelnde Anpassung (Habituation):
Normalerweise gewöhnt man sich an wiederkehrende, harmlose Stressoren (z. B. öffentliches Reden). Bei manchen Menschen bleibt die Stressantwort jedoch jedes Mal maximal hoch. - Verzögerte Erholung:
Der Stressor ist weg, aber die physiologische Reaktion (Blutdruck, Cortisol) bleibt oben. Das System findet den „Aus-Knopf“ nicht mehr. - Inadäquate Antwort:
Ein System (z. B. das Immunsystem) reagiert zu schwach, woraufhin ein anderes System (z. B. Entzündungswerte) zur Kompensation massiv überschießt.
Die physiologische Kaskade (Verschleiß)
Wenn wir uns im Zustand des Allostatic Overload (allostatische Überlastung) befinden, verändert sich die Biologie nachhaltig:
- Gehirn:
Chronisch hohes Cortisol schädigt den Hippocampus (zuständig für Gedächtnis und Emotionsregulation) und lässt die Amygdala (das Angstzentrum) wachsen. Man wird schreckhafter und vergesslicher. - Stoffwechsel:
Es kommt zur Ablagerung von Bauchfett und Insulinresistenz, da der Körper ständig Energie für einen „Kampf“ bereitstellt, der psychisch stattfindet, aber physisch nie erfolgt. - Immunsystem:
Allostase führt entweder zu einer Unterdrückung der Abwehr (man wird ständig krank) oder zu chronischen Entzündungsprozessen (Arthritis, Herz-Kreislauf-Erkrankungen).
Psychologische Implikationen und Therapie
In der klinischen Psychologie verschiebt die Allostase-Theorie den Fokus:
- Vom Symptom zur Historie:
Man betrachtet nicht nur die aktuelle Panikattacke, sondern die „allostatische Last“ der letzten Jahre. Wie viel Verschleiß hat die Person bereits angesammelt? - Resilienz-Training:
Ziel der Therapie ist es, die Vagale Dominanz (den „Ruhenerv“) zu stärken. Techniken wie Achtsamkeit (MBSR), progressives Muskeltraining oder Biofeedback zielen darauf ab, dem System das „Herunterfahren“ wieder beizubringen. - Umweltgestaltung:
Da Allostase eine Reaktion auf die Umwelt ist, wird oft auch das Umfeld analysiert (Social Support, Arbeitsbedingungen), um die Anzahl der notwendigen Anpassungsprozesse zu reduzieren.
Zusammenfassung
Allostase ist der hilfreiche Prozess der Anpassung an eine komplexe Welt. Solange wir uns erholen können, ist das System hocheffizient. Fehlt die Erholung, wird der Anpassungsprozess selbst zum Problem und führt zu einem beschleunigten biologischen Verschleiß.