Hospitalismus

In der klinischen Psychologie beschreibt Hospitalismus (auch Deprivationssyndrom genannt) die Gesamtheit aller psychischen und körperlichen Schäden, die durch einen chronischen Mangel an emotionaler Zuwendung und sozialen Reizen entstehen.

Obwohl die Kinder physisch versorgt werden (Nahrung, Hygiene), fehlt die Befriedigung des Grundbedürfnisses nach Bindung, was zu schweren Entwicklungsstörungen führt.

Die Entdeckung durch René Spitz

Der Psychoanalytiker René Spitz prägte den Begriff in den 1940er Jahren, als er Kinder in Waisenhäusern untersuchte. Er stellte fest, dass Kinder trotz steriler, sauberer Umgebungen und ausreichender Ernährung verkümmerten oder sogar starben (anaklitische Depression), weil ihnen eine feste Bezugsperson und körperliche Nähe fehlten.

Zentrale Symptome

Hospitalismus äußert sich auf verschiedenen Ebenen:

  • Motorik:
    Stereotype Bewegungen (z. B. stundenlanges Hin- und Herwiegen des Körpers, das sogenannte „Jactatio“), um den Mangel an äußeren Reizen durch Eigenstimulation auszugleichen.
  • Kognition:
    Massive Verzögerungen in der Sprachentwicklung und der intellektuellen Leistungsfähigkeit.
  • Emotion:
    Teilnahmslosigkeit (Apathie), extreme Ängstlichkeit oder die Unfähigkeit, später tiefe Bindungen einzugehen.
  • Physis:
    Wachstumsstörungen und eine extreme Anfälligkeit für Infektionskrankheiten durch ein geschwächtes Immunsystem (psychosomatische Folgen der Deprivation).

Ursache: Soziale Deprivation

Der entscheidende Faktor ist das Ausbleiben einer kontinuierlichen Bindung. In der modernen Psychologie wissen wir heute (siehe Grawe), dass das Bedürfnis nach Bindung biologisch ebenso überlebenswichtig ist wie Essen und Trinken. Fehlt dieses, gerät das gesamte Nervensystem in einen Zustand chronischen Stresses (hohe allostatische Last).

Zusammenfassung

Hospitalismus ist eine schwere Form der sozialen Deprivation, die zeigt, dass der Mangel an emotionaler Zuwendung und Bindung bei Säuglingen und Kleinkindern zu irreversiblen körperlichen und seelischen Entwicklungsschäden führen kann.