Responsivität
In der Psychologie beschreibt Responsivität die Qualität und Art und Weise, wie eine Person auf die Signale, Bedürfnisse oder Äußerungen einer anderen Person reagiert. Sie ist das Herzstück gelingender Kommunikation und der wichtigste Baustein für eine sichere Bindung.
Man kann Responsivität als „Antwortbereitschaft“ übersetzen – es geht darum, nicht nur zu reagieren, sondern passend und zeitnah zu antworten.
Die drei Komponenten der Responsivität
Damit eine Reaktion als „responsiv“ wahrgenommen wird, müssen laut der Bindungsforschung (insbesondere nach Mary Ainsworth) drei Schritte erfolgen:
- Wahrnehmung:
Die Signale des Gegenübers müssen überhaupt bemerkt werden (z. B. ein feiner Gesichtsausdruck, ein Seufzer oder ein direktes Wort). - Richtige Interpretation:
Die Signale müssen korrekt gedeutet werden. (Interpretiere ich das Schweigen als Zustimmung oder als Rückzug?) - Angemessene und prompte Reaktion:
Die Antwort muss zum Bedürfnis passen und zeitlich nah genug erfolgen, damit das Gegenüber einen Zusammenhang zwischen seinem Signal und der Reaktion herstellen kann.
Responsivität in verschiedenen Kontexten
In der Kindesentwicklung
Hier ist Responsivität (oft auch Feinfühligkeit genannt) überlebenswichtig. Wenn Eltern responsiv reagieren, lernt das Kind: „Meine Signale haben eine Wirkung. Ich bin sicher.“ Dies ist die Grundlage für das Urvertrauen.
- Mangelnde Responsivität:
Führt zu emotionaler Deprivation und im Extremfall zu Mustern wie dem Hospitalismus.
In der Paartherapie und Partnerschaft
Der Psychologe John Gottman beschreibt Responsivität als das „Wenden zum Partner“ (Turning towards). Wenn ein Partner einen Interaktionsversuch startet (z. B. eine Bemerkung über das Wetter), entscheidet die Responsivität des anderen über die Beziehungsqualität.
- Hohe Responsivität:
„Ja, sieht wirklich nach Regen aus.“ (Bestätigung der Wahrnehmung). - Niedrige Responsivität:
Ignorieren oder genervtes Abwenden.
In der Therapie
Die therapeutische Responsivität bedeutet, dass der Therapeut seine Methoden und seinen Tonfall individuell an den Moment und den Zustand des Klienten anpasst, anstatt starr einem Protokoll zu folgen. Das schafft emotionale Resonanz.
Die Wirkung auf das Nervensystem
Responsivität wirkt direkt auf die Co-Regulation:
- Wenn wir erleben, dass jemand responsiv auf uns eingeht, signalisiert das unserem Gehirn soziale Sicherheit.
- Dies senkt die allostatische Last und aktiviert den Parasympathikus (Entspannung).
- Es reduziert sozialen Schmerz, da wir uns nicht mehr „ausgegrenzt“ oder „unwirksam“ fühlen.
Das Gegenteil: Die „Still Face“ Dynamik
Das berühmte Still Face Experiment (Ed Tronick) zeigt drastisch, was passiert, wenn Responsivität fehlt: Wenn eine Bezugsperson völlig aufhört zu reagieren (versteinertes Gesicht), gerät das Gegenüber (Säugling, aber auch Erwachsene) innerhalb kürzester Zeit in massiven Stress und Verzweiflung.
Zusammenfassung
Responsivität ist die feinfühlige, prompte und passende Beantwortung der Signale eines anderen Menschen, die als fundamentales Sicherheits- und Bindungssignal für unsere Psyche dient.