Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt
Ein Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt (auch Appetenz-Aversions-Konflikt genannt) beschreibt eine psychische Situation, in der ein und dasselbe Ziel gleichzeitig positive und negative Aspekte hat.
Man fühlt sich von dem Ziel angezogen, möchte es aber gleichzeitig meiden. Dieses Konzept stammt ursprünglich von Kurt Lewin (Feldtheorie) und wurde von Neal E. Miller weiterentwickelt.
Das psychologische Dilemma
Im Gegensatz zu einem Konflikt zwischen zwei verschiedenen Dingen (z. B. Wahl zwischen zwei Urlaubsorten), findet dieser Kampf innerhalb eines einzigen Vorhabens statt.
- Die Annäherung (Appetenz):
Das Ziel verspricht Belohnung, Lustgewinn oder die Befriedigung eines Grundbedürfnisses (z. B. Bindung). - Die Vermeidung (Aversion):
Das Ziel birgt Risiken, Angst vor Ablehnung, Anstrengung oder Schmerz (Verletzung des Selbstwertschutzes).
Klassisches Beispiel:
Jemand möchte eine attraktive Person ansprechen (Annäherung: Bedürfnis nach Bindung), hat aber gleichzeitig große Angst vor einer Korb (Vermeidung: Schutz des Selbstwerts).
Die Dynamik der Distanz (Miller-Gradienten)
Ein faszinierender Aspekt dieses Konflikts ist, wie sich unsere Motivation verändert, je näher wir dem Ziel kommen:
- Der Annäherungsgradient:
Die Lust, das Ziel zu erreichen, steigt an, je näher man ihm kommt – aber eher flach. - Der Vermeidungsgradient:
Die Angst oder Abneigung (Unlust) steigt wesentlich steiler an, je näher man dem Ziel kommt.
Die Folge:
In der Ferne überwiegt die Vorfreude (man plant das Gespräch/das Projekt). Doch kurz vor der Umsetzung (man steht vor der Person/dem Chef) wird die Angst so stark, dass man blockiert oder flieht. Man verharrt oft in einem Zustand der Ambivalenz und Handlungsunfähigkeit.
Beispiele aus dem Alltag
- Beförderung:
Man will mehr Gehalt und Status (Annäherung), fürchtet aber die höhere Verantwortung und weniger Freizeit (Vermeidung). - Zahnarzt:
Man will die Schmerzen loswerden (Annäherung an Gesundheit), fürchtet aber die Behandlung (Vermeidung von Schmerz). - Soziale Interaktion:
Man sehnt sich nach Zugehörigkeit, fürchtet aber die soziale Ausgrenzung, wenn man sich authentisch zeigt.
Lösungsstrategien
Chronische Annäherungs-Vermeidungs-Konflikte führen zu hoher Inkonsistenz und Stress . So löst man sie auf:
- Vermeidung reduzieren statt Annäherung erhöhen:
Oft versuchen wir, uns noch mehr zu motivieren (Annäherung pushen). Effektiver ist es, die Angstfaktoren zu senken (Vermeidung abbauen). - Gedankliche Vorwegnahme:
Den „Point of no Return“ identifizieren und Strategien für den Moment entwickeln, in dem der Angstgradient am steilsten ist. - Werte-Klärung:
Prüfen, welches Grundbedürfnis langfristig wichtiger ist. Ist mir die Autonomie wichtiger als die Angst vor der Anstrengung?
Zusammenfassung
Ein Annäherungs-Vermeidungs-Konflikt ist ein innerer Spannungszustand, bei dem ein Ziel gleichzeitig anziehend und abstoßend wirkt, wobei die Tendenz zur Vermeidung meist stärker zunimmt, je näher man der Realisierung kommt.