Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz
In der Konsistenztheorie von Klaus Grawe gilt das Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz als eines der vier fundamentalen psychologischen Grundbedürfnisse. Es beschreibt das lebenslange Bestreben des Menschen, sich selbst als kompetent, wertvoll und von anderen geschätzt zu erleben.
Die zwei Seiten der Medaille
Das Bedürfnis hat zwei Wirkrichtungen, die unser Verhalten steuern:
- Selbstwerterhöhung (Appetenz):
Wir suchen aktiv nach Situationen, in denen wir Erfolg haben, Anerkennung finden oder unsere Stärken zeigen können. Das Ziel ist ein positives Selbstbild. - Selbstwertschutz (Aversion):
Wir versuchen unter allen Umständen, Abwertung, Kritik oder Versagen zu vermeiden. Dies ist oft der stärkere Motor und führt zu Vermeidungsverhalten.
Warum ist dieses Bedürfnis so wichtig?
Der Selbstwert fungiert als psychologisches Immunsystem. Ein stabiler Selbstwert schützt uns vor den negativen Auswirkungen von Stress und Misserfolgen.
- Neurobiologie:
Erfolgserlebnisse und soziale Anerkennung führen zur Ausschüttung von Dopamin (Belohnungssystem) und endogenen Opioiden, was das Wohlbefinden steigert und Angst mindert. - Identität:
Er gibt uns die Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“ und „Was bin ich wert?“.
Folgen von Verletzungen des Selbstwerts
Wenn dieses Bedürfnis chronisch missachtet oder verletzt wird (z. B. durch Mobbing, ständige Kritik oder Misserfolge), entsteht massive Inkonsistenz. Das Gehirn reagiert mit Alarmbereitschaft:
- Kompensation:
Man versucht, den mangelnden Selbstwert durch extreme Leistungen oder Statussymbole auszugleichen. - Rückzug:
Um weitere Verletzungen zu vermeiden, geht man keine Risiken mehr ein (Vermeidungs-Vermeidungs-Konflikt). - Psychische Störungen:
Chronische Selbstwertprobleme sind ein Kernsymptom von Depressionen, sozialen Phobien und narzisstischen Störungen.
Selbstwerterhöhung vs. Narzissmus
Es ist wichtig, zwischen einer gesunden Selbstwerterhöhung und Narzissmus zu unterscheiden:
- Gesunder Selbstwert:
Basiert auf realen Kompetenzen und einer inneren Akzeptanz (auch der eigenen Schwächen). Er ist stabil und braucht keine ständige Abwertung anderer. - Narzisstische Regulation:
Ein sehr brüchiger Selbstwert, der ständig durch äußere Bewunderung „gefüttert“ werden muss.
Strategien zur gesunden Pflege (Psychohygiene)
Um dieses Grundbedürfnis nachhaltig zu befriedigen, ohne in Abhängigkeiten zu geraten:
- Selbstwirksamkeit:
Aufgaben erledigen, die einen herausfordern, aber bewältigbar sind. - Selbstmitgefühl:
Sich bei Fehlern wie einen guten Freund behandeln, statt sich selbst abzuwerten. - Wertebasiertes Handeln:
Nach eigenen moralischen Vorstellungen handeln – das stärkt das innere Fundament unabhängig von fremdem Lob.
Zusammenfassung
Selbstwerterhöhung und Selbstwertschutz sind existentielle Bedürfnisse, sich als wertvolles und fähiges Individuum zu erleben, wobei ein stabiler Selbstwert als Schutzschild gegen psychische Belastungen dient und die Grundlage für Resilienz bildet.