Inkonsistenz
Inkonsistenz ist in der Psychologie, insbesondere in der Konsistenztheorie von Klaus Grawe, der Zustand, in dem psychische Prozesse nicht stimmig zueinander verlaufen. Es ist das Gegenteil von psychischem Wohlbefinden und gilt als wesentlicher Prädiktor für die Entstehung psychischer Störungen.
Man kann sich Inkonsistenz als „Sand im Getriebe“ der neuronalen Erregungsmuster vorstellen, der das Gehirn massiv Energie kostet.
Die zwei Formen der Inkonsistenz
Grawe unterscheidet zwei wesentliche Arten, wie unser psychisches System aus dem Gleichgewicht geraten kann:
1. Diskordanz (Konflikt zwischen Zielen)
Hierbei arbeiten zwei gleichzeitig aktivierte Ziele gegeneinander.
- Beispiel:
Man hat das Ziel, eine enge Bindung einzugehen, hat aber gleichzeitig das Ziel, seine Autonomie um jeden Preis zu bewahren. Diese Ziele „blockieren“ sich gegenseitig.
2. Inkongruenz (Konflikt zwischen Ziel und Realität)
Hierbei stimmen die tiefen motivationalen Ziele nicht mit dem überein, was man in der Realität erlebt.
- Beispiel:
Man hat ein starkes Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung, erlebt aber in seinem Job ständig Abwertung und Kritik.
Die neurobiologische Folge: Biologischer Stress
Inkonsistenz ist für das Gehirn ein Alarmsignal. Da das Gehirn auf Effizienz und Musterbildung ausgelegt ist, erzeugen widersprüchliche Signale einen Zustand hoher neuronaler Erregung, der nicht abgebaut werden kann.
- Chronischer Stress:
Chronische Inkonsistenz führt zu einer dauerhaften Ausschüttung von Stresshormonen (Cortisol). - Neuronale Bahnung:
Wenn Inkonsistenz nicht gelöst wird, „lernt“ das Gehirn diesen Stresszustand, was zu Angststörungen oder Depressionen führen kann.
Schutzmechanismen: Wie die Psyche reagiert
Um die schmerzhafte Inkonsistenz zu reduzieren, greift die Psyche oft zu (unbewussten) Notlösungen:
- Vermeidungsverhalten:
Man geht Situationen aus dem Weg, die die Inkonsistenz spürbar machen (z. B. soziale Isolation, um den verletzten Selbstwert nicht zu spüren). - Abwehrmechanismen:
Verleugnung oder Rationalisierung der Realität. - Symptombildung:
Wenn die Spannung zu hoch wird, entwickelt das System Symptome (z. B. Panikattacken), die oft eine Funktion haben, um den Konflikt kurzfristig zu „deckeln“.
Zusammenfassung
Inkonsistenz ist ein Zustand psychischer Unstimmigkeit, bei dem widersprüchliche Ziele oder eine Diskrepanz zwischen Bedürfnissen und Erlebnissen das Gehirn in chronischen Stress versetzen und die psychische Gesundheit untergraben.