Wachstum
In der Psychologie wird Wachstum (je nach Kontext oft als persönliches Wachstum oder posttraumatisches Wachstum bezeichnet) als die lebenslange Entwicklung der Persönlichkeit hin zu größerer Komplexität, Reife und Integration definiert.
Es beschreibt den Übergang von einem Zustand der bloßen Anpassung hin zur Selbstverwirklichung.
Wachstum als Grundtendenz (Humanismus)
Die Humanistische Psychologie (z. B. Carl Rogers, Abraham Maslow) geht davon aus, dass in jedem Menschen eine Aktualisierungstendenz steckt. Wie eine Pflanze, die zum Licht wächst, strebt die Psyche danach, ihre Potenziale zu entfalten.
- Wachstumsbedürfnisse vs. Defizitbedürfnisse:
Nach Maslow müssen grundlegende Bedürfnisse (Sicherheit, Hunger) erst weitgehend gestillt sein, damit echte Wachstumsenergie frei wird. Wachstum ist kein „Muss“, um zu überleben, sondern ein „Will“, um zu gedeihen.
Posttraumatisches Wachstum (PTW)
Ein faszinierendes Konzept der modernen Psychologie ist, dass Wachstum oft durch Krisen ausgelöst wird. Während eine PTBS (Posttraumatische Belastungsstörung) die negative Folge eines Traumas ist, beschreibt PTW die positiven psychologischen Veränderungen infolge der Bewältigung hochgradig belastender Lebensereignisse.
Die 5 Dimensionen des Wachstums nach Krisen:
- Intensivere Wertschätzung des Lebens:
Eine veränderte Prioritätensetzung. - Tiefere Beziehungen:
Mehr Empathie und Nähe zu anderen. - Gefühl der eigenen Stärke:
„Wenn ich das überlebt habe, schaffe ich alles.“ - Neue Möglichkeiten:
Entdeckung neuer Lebenswege oder Interessen. - Spirituelle/Existenzielle Veränderung:
Eine tiefere Auseinandersetzung mit dem Sinn des Lebens.
Wachstum durch Konsistenz (Grawe)
Aus Sicht der Konsistenztheorie bedeutet Wachstum, den Raum der Selbstwirksamkeit zu erweitern.
- Wachstum findet statt, wenn wir uns Herausforderungen stellen, die unsere aktuellen Fähigkeiten leicht übersteigen (siehe auch Flow-Konzept von Csíkszentmihályi).
- Gelingt die Bewältigung, führt dies zu einer Selbstwerterhöhung und stärkt die neuronale Struktur des Gehirns.
Psychologische Reife (Entwicklungspsychologie)
Wachstum bedeutet im Erwachsenenalter auch die Zunahme von Ich-Entwicklung (nach Jane Loevinger). Das Individuum wird:
- Reflektierter gegenüber den eigenen Impulsen.
- Toleranter gegenüber Ambiguität (Widersprüchlichkeiten).
- Unabhängiger von der bloßen Meinung anderer (Autonomie).
Zusammenfassung
Psychologisches Wachstum ist der Prozess der aktiven Potenzialentfaltung und Persönlichkeitsreifung, der sowohl durch die innere Tendenz zur Selbstverwirklichung als auch durch die erfolgreiche Bewältigung existenzieller Krisen vorangetrieben wird.