Krise
In der Psychologie wird eine Krise als ein zeitlich begrenzter Zustand des Ungleichgewichts definiert. Sie tritt ein, wenn eine Person mit Ereignissen oder Lebensumständen konfrontiert wird, die sie im Moment nicht mit ihren gewohnten Bewältigungsstrategien (Copying-Mechanismen) bewältigen kann.
Das Wort stammt vom griechischen krisis, was sowohl „Zuspitzung“ als auch „Entscheidung“ oder „Wendepunkt“ bedeutet. Eine Krise ist also keine Krankheit, sondern eine akute Überforderung des seelischen Gleichgewichts.
Arten von Krisen
Die Psychologie unterscheidet primär drei Formen von Krisen:
- Entwicklungs- oder Veränderungskrisen:
Diese treten bei normalen Übergängen im Lebenslauf auf (z. B. Pubertät, „Midlife-Crisis“, Eintritt in die Rente). Sie sind oft vorhersehbar, erfordern aber eine Neuanpassung der Identität (vgl. kritische Lebensereignisse). - Situative Krisen:
Diese werden durch unvorhersehbare, äußere Ereignisse ausgelöst (z. B. Trennung, Verlust des Arbeitsplatzes, schwere Krankheit). - Traumatische Krisen:
Sie entstehen durch plötzliche, extrem bedrohliche Ereignisse (z. B. Unfälle, Gewalt, Naturkatastrophen), die das Gefühl von Sicherheit im Kern erschüttern.
Der Verlauf einer Krise (nach Caplan)
Der Psychiater Gerald Caplan beschreibt den typischen Prozess, wie unser System versucht, die Krise zu bewältigen:
- Phase der Anpassung:
Man versucht das Problem mit bewährten Methoden zu lösen. Die Spannung steigt. - Phase der Unsicherheit:
Die bisherigen Methoden scheitern. Es herrscht Ratlosigkeit und massiver Stress. - Phase der Mobilisierung:
Man aktiviert alle Reserven – auch ungewöhnliche Wege oder fremde Hilfe werden gesucht. Hier entscheidet sich, ob die Krise bewältigt wird. - Phase der Neuanpassung:
Wenn keine Lösung gefunden wird, droht die Resignation oder ein psychischer Zusammenbruch. Wird die Krise gelöst, erfolgt eine Neuorientierung.
Psychologische Merkmale einer Krise
Eine Krise ist durch spezifische Empfindungen gekennzeichnet:
- Eingeschränkte Wahrnehmung:
Der „Tunnelblick“ – man sieht keine Auswege mehr. - Heftige Emotionen:
Angst, Verzweiflung, Wut oder eine lähmende Leere. - Körperliche Symptome:
Schlafstörungen, Herzrasen oder Appetitlosigkeit. - Verlust der Zeitperspektive:
Die Zukunft scheint verbaut, man ist im „Hier und Jetzt“ des Schmerzes gefangen.
Chance und Risiko
Eine Krise ist ein labiler Zustand. Sie kann in zwei Richtungen führen:
- Destruktiv:
Chronifizierung, Entwicklung von psychischen Störungen (z. B. Depression) oder Suizidalität. - Konstruktiv:
Durch die Bewältigung entsteht Wachstum. Man lernt neue Fähigkeiten, stärkt seine Resilienz und findet zu einer höheren Lebenszufriedenheit (siehe Posttraumatisches Wachstum).
Krisenintervention
In der Akutphase ist das Ziel nicht die langfristige Therapie, sondern die Stabilisierung:
- Entlastung:
Raum geben, um über das Erlebte zu sprechen. - Strukturierung:
Den Blick auf die nächsten machbaren Schritte lenken (Wiederherstellung von Orientierung & Kontrolle). - Ressourcen aktivieren:
Schauen, was früher geholfen hat oder wer im Umfeld unterstützen kann.
Zusammenfassung
Eine Krise ist ein vorübergehender seelischer Ausnahmezustand, in dem die bisherigen Lebensstrategien versagen, was sowohl das Risiko eines Zusammenbruchs als auch die Chance auf eine tiefgreifende Weiterentwicklung birgt.