Akkommodation
Die Akkommodation ist in der Psychologie, speziell in der kognitiven Entwicklungtheorie nach Jean Piaget, einer der zwei zentralen Prozesse, mit denen wir neue Informationen geistig verarbeiten.
Während wir bei der Assimilation die Welt an unsere bestehenden Denkschemata anpassen, müssen wir bei der Akkommodation unsere inneren Strukturen (Schemata) an die Realität anpassen. Es ist ein Akt der Weiterentwicklung.
Der Mechanismus
Akkommodation tritt immer dann auf, wenn wir auf eine Information oder Situation stoßen, die nicht in unsere bisherigen Erfahrungen passt. Es entsteht ein Zustand des geistigen Ungleichgewichts (Disäquilibrium). Um dieses Unbehagen zu lösen, muss das Gehirn das bestehende Schema erweitern oder ein völlig neues erschaffen.
Das klassische Beispiel:
Ein Kind hat ein Schema für „Hund“: vier Beine, Fell, bellt.
- Assimilation:
Das Kind sieht einen Pudel und sagt „Hund“. Das passt ins Schema.- Der Konflikt:
Das Kind sieht eine Kuh. Sie hat auch vier Beine und Fell, sagt aber „Muh“ und ist riesig. Das Schema „Hund“ funktioniert hier nicht mehr.- Akkommodation:
Das Kind passt sein Wissen an. Es lernt, dass „Hund“ und „Kuh“ zwei verschiedene Kategorien unter dem neuen Oberbegriff „Tiere“ sind.
Akkommodation und psychische Belastung
Akkommodation ist kognitiv „teurer“ als Assimilation. Sie erfordert Energie und Lernbereitschaft.
- Inkonsistenz:
Wenn wir gezwungen sind, tief sitzende Überzeugungen (Schemata) zu akkommodieren (z. B. nach einer schweren Enttäuschung oder Krise), erleben wir massiven Stress. - Abwehr:
Menschen neigen dazu, Informationen eher so zu verbiegen (z.B. durch kognitive Verzerrungen), dass sie in alte Schemata passen (Assimilation), um den schmerzhaften Umbau der eigenen Weltsicht zu vermeiden.
3. Akkommodation im Erwachsenenalter
Auch wenn Piaget das Konzept an Kindern entwickelte, bleibt es lebenslang relevant für unsere Weiterentwicklung:
- Beruf:
Ein erfahrener Handwerker muss sein Wissen akkommodieren, wenn eine völlig neue Technologie eingeführt wird. - Beziehungen:
Wir müssen unser Bild von einem Partner akkommodieren, wenn wir feststellen, dass er Seiten hat, die wir bisher ignoriert haben oder nicht sehen wollten. - Krisen:
In einer Krise versagen oft alle alten Bewältigungsstrategien. Akkommodation bedeutet hier, neue Wege des Denkens und Handelns zu entwickeln (Posttraumatisches Wachstum).
4. Das Ziel: Äquilibration
Das Gehirn strebt nach einem Gleichgewicht (Äquilibration) zwischen Assimilation und Akkommodation.
- Wer nur assimiliert, wird starr und lernt nichts Neues.
- Wer nur akkommodiert, hat kein stabiles Fundament und ist ständig orientierungslos.
Zusammenfassung
Akkommodation ist der Prozess der Anpassung innerer Denkmuster an neue, widersprüchliche Erfahrungen, wodurch eine höhere Stufe der geistigen Reife und Komplexität erreicht wird.