Freeze-Reaktion
Die Freeze-Reaktion (Erstarrung) ist neben Fight (Kampf) und Flight (Flucht) die dritte große biologische Überlebensstrategie. Sie tritt ein, wenn das Gehirn entscheidet, dass weder Flucht noch Angriff Erfolg versprechen.
Die Biologie des Erstarrens
Physiologisch gesehen ist der Freeze-Zustand ein hochaktiver Konflikt im autonomen Nervensystem zwischen Sympathikus und Parasympathikus.
- Der „Totstellreflex“:
Evolutionär stammt dies von Beutetieren. Ein Raubtier verliert oft das Interesse, wenn die Beute sich nicht mehr bewegt, oder übersieht sie schlichtweg. - Energie-Stau:
Im Körper ist massive Energie für Flucht oder Kampf (Stressreaktion) bereitgestellt, kann aber nicht abfließen. Das führt zu einer extremen inneren Spannung bei äußerer Reglosigkeit.
Freeze vs. Shutdown
In der Fachliteratur (insbesondere der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges) wird oft zwischen zwei Phasen unterschieden:
| Phase | Zustand | Erleben |
| Freeze (aktiv) | Wachsame Erstarrung | Erhöhte Herzfrequenz, scharfe Sinne, Muskelanspannung („Wie das Kaninchen vor der Schlange“ (Hypervigilanz)). |
| Shutdown (passiv) | Kollaps / Erschlaffung | Puls sinkt, Dissoziation, Schmerzunempfindlichkeit, Ohnmachtsgefühl (Übergang ins Hypoarousal). |
Psychologische Folgen im Alltag
Wenn die Freeze-Reaktion in einer traumatischen Situation erfolgreich war (oder die einzige Option war), kann das Gehirn dieses Muster „speichern“. Betroffene erstarren dann auch bei harmlosen Triggern:
- Soziale Situationen:
Bei Kritik oder Konflikten „verstummt“ die Person, kann sich nicht mehr wehren oder den Raum verlassen, obwohl sie es möchte. - Entscheidungsunfähigkeit:
Eine massive Überforderung führt dazu, dass man gar nichts mehr tut (Prokrastination als Freeze-Zustand). - Gefühl der Taubheit: Man fühlt sich vom Geschehen distanziert, wie hinter einer Glasscheibe.
Der Weg aus dem Freeze-Zustand
Da Freeze ein körperlicher Zustand ist, lässt er sich schwer „wegdiskutieren“. Therapeuten nutzen oft den Ansatz des Somatic Experiencing (SE) nach Peter Levine:
- Sicherheit:
Das Nervensystem muss erst wieder lernen, dass keine akute Lebensgefahr besteht. - Kleine Bewegungen:
Man beginnt mit minimalen Bewegungen (Finger bewegen, den Kopf langsam drehen), um die Erstarrung sanft zu lösen. - Nachholen der Reaktion:
Die im Körper gestaute Energie muss kontrolliert entladen werden (z. B. durch Zittern oder bewusstes Wegstoßen).
Warum Freeze oft mit Scham besetzt ist
Viele Menschen schämen sich im Nachhinein, weil sie „nichts getan“ haben (z. B. bei Übergriffen oder Unfällen). Psychologisch ist es wichtig zu verstehen: Freeze ist keine bewusste Entscheidung, sondern ein reflexartiger Überlebensmechanismus des Stammhirns, der in diesem Moment das Überleben sichern sollte.