Überkompensation
Unter Überkompensation versteht man eine gesteigerte Form der Kompensation, bei der eine Person versucht, eine echte oder vermeintliche Schwäche nicht nur auszugleichen, sondern durch extreme Leistungen in genau diesem oder einem anderen Bereich massiv zu übertreffen.
Während die normale Kompensation auf eine gesunde Balance (Gleichgewicht) abzielt, schießt die Überkompensation über das Ziel hinaus.
Merkmale der Überkompensation
Der Prozess verläuft meist unbewusst und ist von einer hohen inneren Dynamik geprägt:
- Vermeidung von Minderwertigkeit:
Das ursprüngliche Defizit wird als so schmerzhaft empfunden, dass es durch eine „großartige“ Fassade oder Leistung komplett unsichtbar gemacht werden soll. - Zwanghaftigkeit:
Der Antrieb ist oft nicht Freude am Erfolg, sondern die Angst, wieder als „schwach“ oder „unzulänglich“ wahrgenommen zu werden. - Wahl des Feldes:
- Direkt: Jemand mit einer Sprachstörung (z. B. Stottern) trainiert so hart, dass er ein brillanter Redner oder Schauspieler wird (Beispiel aus der Antike: Demosthenes).
- Indirekt: Jemand, der sich körperlich unterlegen fühlt, kompensiert dies durch extremes Streben nach intellektueller Macht oder finanziellem Reichtum.
Beispiele für Überkompensation
Im sozialen Bereich (Der „Napoleon-Komplex“)
Männer mit geringer Körpergröße entwickeln manchmal ein besonders dominantes, aggressives oder machtbewusstes Auftreten, um ihre physische „Kürze“ durch soziale „Größe“ wettzumachen.
Im Leistungsbereich
Ein Kind, dem von den Eltern immer wieder Dummheit unterstellt wurde, entwickelt als Erwachsener einen extremen Drang zu akademischen Titeln und Fachwissen. Es kann nicht aufhören zu lernen, weil jeder Titel ein Schutzschild gegen die alte Verletzung ist.
In der Persönlichkeit (Narzissmus)
In der klinischen Psychologie wird Grandiosität oft als Überkompensation für eine tiefe innere Leere oder ein Gefühl der Wertlosigkeit gesehen. Das „großartige Ich“ ist eine Schutzmauer gegen die darunterliegende Depression.
Die psychologische Dynamik nach Alfred Adler
Adler sah in der Überkompensation den Ursprung vieler menschlicher Höchstleistungen, warnte aber vor der „Flucht in die Größe“.
- Der Motor:
Das Gefühl der Unterlegenheit (Minderwertigkeitskomplex). - Das Ziel:
Überlegenheit (Geltungsstreben). - Das Risiko:
Wenn der Erfolg nur dazu dient, andere herabzusetzen oder die eigene Natur zu verleugnen, führt dies zu psychischen Spannungen und Isolation.
Abgrenzung: Kompensation vs. Überkompensation
| Merkmal | Kompensation | Überkompensation |
| Ziel | Ausgleich einer Schwäche | Erreichen einer Machtposition / Perfektion |
| Gefühl | Erleichterung, Normalität | Triumph, Getriebenheit |
| Soziale Wirkung | Integrierend | Oft distanzierend (wegen Dominanz) |
| Energieaufwand | Angemessen | Extrem hoch (Burnout-Gefahr) |