Anankasmus
In der Psychologie ist Anankasmus (abgeleitet vom griechischen ananke für „Notwendigkeit“ oder „Zwang“) der Fachbegriff für die zwanghafte Persönlichkeitsstruktur.
Während der Begriff im Alltag oft fälschlicherweise für die Zwangsstörung (Händewaschen, Zählen) verwendet wird, beschreibt er klinisch eine tief verwurzelte Art des Fühlens, Denkens und Handelns, die auf Perfektionismus, Kontrolle und Rigidität basiert.
Kernmerkmale des Anankasmus
Menschen mit anankastischen Zügen orientieren sich extrem an inneren und äußeren Regeln. Die Diagnose einer Anankastischen Persönlichkeitsstörung wird gestellt, wenn diese Züge so starr werden, dass sie die Lebensführung behindern.
- Perfektionismus:
Aufgaben werden oft nicht fertiggestellt, weil die eigenen (unerreichbar hohen) Standards nicht erfüllt werden. - Rigidität:
Eine ausgeprägte geistige Unflexibilität. Es gibt oft nur „Richtig“ oder „Falsch“. - Kontrollzwang:
Sowohl die eigenen Emotionen als auch das Verhalten der Mitmenschen müssen kontrolliert werden. - Übermäßige Gewissenhaftigkeit:
Ein extremer Fokus auf Leistung und Produktivität unter Vernachlässigung von Vergnügen und sozialen Kontakten. - Vorsicht und Zweifel:
Ständige Sorgen und Grübeln und die Angst, eine falsche Entscheidung zu treffen.
Abgrenzung: Anankasmus vs. Zwangsstörung (OCD)
In deinem Glossar ist diese Unterscheidung entscheidend, da beide Begriffe oft vermischt werden:
| Merkmal | Anankasmus (Persönlichkeit) | Zwangsstörung (OCD) |
| Natur | Ein dauerhafter Charakterstil. | Eine akute Erkrankung mit Symptomen. |
| Symptome | Allgemeine Strenge, Ordnungsliebe. | Spezifische Rituale (Waschen, Kontrollieren). |
| Erleben | Ich-synton: Die Person hält ihren Stil für richtig („Ich bin halt gründlich“). | Ich-dyston: Die Person leidet unter den Zwängen („Ich will das nicht tun“). |
| Soziale Auswirkung | Andere leiden oft mehr als der Betroffene selbst (und wenn, dann nur unter den Folgen seines Persönlichkeitsstils). | Der Betroffene leidet meist massiv unter seinen Ritualen. |
Psychologische Funktion
Anankasmus ist oft ein massiver Kompensationsmechanismus. Die übermäßige Struktur im Außen dient dazu, eine innere Instabilität oder Angst abzuwehren:
- Angst vor Kontrollverlust:
Wenn alles nach Plan läuft, kann keine Katastrophe passieren. - Selbstwertschutz:
Durch Fehlerlosigkeit versucht man, Kritik und Ablehnung unmöglich zu machen.
Anankasmus im Arbeitskontext
Anankastische Menschen sind oft:
- Hervorragende Fachkräfte:
Überall dort, wo Präzision und Genauigkeit zählen (Buchhaltung, Chirurgie, Qualitätssicherung). - Schwierige Führungskräfte:
Sie können kaum delegieren, da sie überzeugt sind, niemand würde die Arbeit so gewissenhaft erledigen wie sie selbst. - Schwierige Team-Arbeiter:
Anankastische Menschen sind schwierige Team-Arbeiter, weil sie aufgrund ihrer Rigidität und Detailfixierung nur einen „richtigen“ Arbeitsstil tolerieren (nämlich den Ihren). Flexibilität, Spontanität und Ambiguitätstoleranz fehlen ihnen völlig. Im Arbeitsalltag gibt es regelmässig Konflikte mit den Kollegen.
Zusammenfassung
Anankasmus beschreibt eine Persönlichkeitsausprägung, bei der Ordnung, Perfektion und Kontrolle zum Selbstzweck werden. Es ist der Versuch, die Unsicherheit des Lebens durch absolute Regelhaftigkeit zu bändigen.