Trichotillomanie

In der Psychologie wird die Trichotillomanie (von griechisch trichos „Haar“, tillo „ausreißen“ und mania „Wahnsinn/Begeisterung“) als eine Störung definiert, bei der Betroffene den wiederkehrenden, unwiderstehlichen Zwang verspüren, sich die eigenen Haare auszureißen.

Sie wird im modernen Klassifikationssystem (DSM-5 und ICD-11) dem Zwangsspektrum (Obsessive-Compulsive Related Disorders) zugeordnet.

Kernmerkmale und Symptome

Die Störung geht über eine schlechte Angewohnheit weit hinaus:

  • Der Vorgang:
    Es werden Haare der Kopfhaut, Augenbrauen, Wimpern oder andere Körperhaare ausgerissen. Oft geschieht dies in Phasen hoher Konzentration oder Entspannung (passiv) oder als bewusste Reaktion auf Spannungszustände (aktiv).
  • Spannung und Erleichterung:
    Vor dem Ausreißen spüren Betroffene meist eine steigende innere Anspannung. Das Ausreißen selbst führt zu einer kurzfristigen Affektregulation (Erleichterung oder Befriedigung).
  • Folgen:
    Sichtbarer Haarverlust (Alopezie), der oft mit Scham, sozialem Rückzug und dem Versuch einhergeht, die kahlen Stellen zu kaschieren.

Psychologische Einordnung

Als Teil des Zwangsspektrums

Früher galt die Trichotillomanie als Impulskontrollstörung. Heute sieht man die Nähe zur Zwangsstörung, da sie:

  1. Repetitiv ist (wiederkehrendes Muster).
  2. Einem Drang folgt, dem schwer zu widerstehen ist.
  3. Der Angst– oder Spannungsreduktion dient.

Als BFRB (Body-Focused Repetitive Behavior)

Trichotillomanie gehört zur Gruppe der körperfokussierten repetitiven Verhaltensweisen. Dazu zählt auch die Dermatillomanie (Skin Picking). Diese Verhaltensweisen dienen oft unbewusst der Selbststimulation oder der Regulation von Emotionen.

Ursachen und Hintergründe

Die Entstehung ist meist multifaktoriell:

  • Neurobiologie:
    Wie bei anderen Zwängen vermutet man Störungen im CSTC-Regelkreis und Ungleichgewichte bei den Botenstoffen Serotonin und Dopamin.
  • Emotionsregulation:
    Das Haarereißen fungiert oft als „Ventil“ für Stress, Langeweile, Frustration oder Angst. Es ist ein dysfunktionaler Versuch, das psychische Gleichgewicht wiederherzustellen.
  • Lernerfahrung:
    Das Gehirn speichert die kurzzeitige Erleichterung nach dem Reißen als positive Belohnung ab, wodurch das Verhalten chronifiziert.

Therapieansätze

Da die Trichotillomanie oft sehr hartnäckig ist, wird meist eine Kombination aus verschiedenen Verfahren angewandt:

  1. Habit Reversal Training (HRT):
    Ein Reaktionsumkehrtraining. Der Patient lernt, die Vorboten (den Drang) frühzeitig zu erkennen und eine alternative Handlung auszuführen (z. B. die Faust ballen oder mit einem Gegenstand spielen).
  2. Entspannungstechniken:
    Um das allgemeine Spannungsniveau zu senken und die Notwendigkeit der Affektregulation zu verringern.
  3. Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT):
    Hier geht es darum, den Drang als solchen wahrzunehmen, ohne ihn bewerten oder sofort ausagieren zu müssen.

Zusammenfassung

Trichotillomanie ist eine Störung aus dem Zwangsspektrum, gekennzeichnet durch den zwanghaften Drang zum Ausreißen eigener Haare, meist zur Regulation innerer Anspannung.