Dermatillomanie
In der Psychologie wird die Dermatillomanie (auch bekannt als Skin Picking Disorder oder Exkoriationsstörung) als eine Störung definiert, bei der Betroffene wiederkehrend und zwanghaft an ihrer eigenen Haut knibbeln, kratzen oder drücken.
Wie die Trichotillomanie wurde sie früher den Impulskontrollstörungen zugeordent und gehört heute innerhalb der Klassifikationssysteme (ICD-11 und DSM-5) zum Zwangsspektrum, wo sie unter den „Zwangsstörungen und verwandten Störungen“ geführt wird.
Kernmerkmale der Dermatillomanie
Bei der Dermatillomanie handelt es sich um einen impulsiven oder zwanghaften Prozess:
- Der Vorgang:
Betroffene bearbeiten meist Stellen im Gesicht, an den Armen oder Händen. Oft werden vermeintliche Unebenheiten (Pickel, Krusten, Mitesser) fokussiert. - Der Drang:
Vor dem Knibbeln baut sich oft eine massive innere Spannung auf. - Die Regulation:
Das Verhalten führt zu einer kurzfristigen Affektregulation. Angst, Stress oder Langeweile werden durch das Schmerz- und Konzentrationserleben beim Knibbeln kurzzeitig „gedeckelt“. - Die Folgen:
Es entstehen Gewebeschädigungen, Entzündungen und Narben. Dies führt oft zu einem Teufelskreis aus Scham, dem Versuch der Kaschierung und weiterem Stress, der wiederum das Knibbeln auslöst.
Psychologische Einordnung: Zwang oder Impuls?
Die Dermatillomanie steht an der Schnittstelle zwischen Zwang und Impulskontrollverlust:
- Zwanghaftes Element:
Es gibt oft ritualisierte Abläufe (z. B. vor dem Spiegel) und den Drang zur „Perfektion“ der Hautoberfläche. - Impulsives Element:
Viele Betroffene geben an, das Verhalten in einem tranceähnlichen Zustand („Flow“) auszuführen, ohne es anfangs bewusst zu steuern.
Funktion und Ursachen
Warum tut jemand etwas, das ihm körperlich schadet?
- Überkompensation von Makeln:
Oft steckt ein tief sitzender Perfektionismus dahinter. Die Haut muss „makellos“ sein. Jede kleinste Unebenheit wird als Bedrohung der Ordnung wahrgenommen und muss „entfernt“ werden. - Selbstberuhigung:
Neurobiologisch betrachtet setzt das Knibbeln Reize, die das Gehirn von emotionalem Schmerz ablenken. Es ist eine Form der dysfunktionalen Selbstregulation. - Neurobiologie:
Auch hier spielen Störungen im CSTC-Regelkreis eine Rolle, insbesondere bei der Hemmung von Handlungsimpulsen.
Abgrenzung zur Zwangsstörung (OCD)
| Merkmal | Dermatillomanie | Klassische Zwangsstörung |
| Fokus | Der eigene Körper (Haut). | Gedanken oder äußere Objekte. |
| Gefühl danach | Oft Erleichterung oder „Trance“. | Meist nur reine Angstreduktion. |
| Bewusstsein | Oft unbewusst/automatisiert. | Meist bewusst ausgeführtes Ritual. |
Therapieansätze
Die Behandlung ähnelt der bei Trichotillomanie, da es sich ebenfalls um ein BFRB (Body-Focused Repetitive Behavior) handelt:
- Habit Reversal Training (HRT):
Das Erlernen von Ersatzhandlungen (z. B. einen Stressball kneten, sobald der Drang in den Fingern spürbar wird). - Stimuluskontrolle:
Reize minimieren (z. B. Spiegel abdecken, helles Licht im Bad vermeiden, Handschuhe tragen). - Entkopplungstraining:
Eine Methode, bei der die Bewegung zum Gesicht kurz vor dem Ziel in eine andere Richtung umgelenkt wird.
Zusammenfassung
Dermatillomanie ist eine Störung aus dem Zwangsspektrum, bei der die Haut zwanghaft bearbeitet wird, um innere Spannungen abzubauen oder vermeintliche körperliche Makel zu korrigieren.