Kränkung

Der Begriff der Kränkung beschreibt in der Psychologie die Verletzung des Selbstwertgefühls oder der persönlichen Ehre durch das Verhalten anderer oder durch widrige Lebensumstände.

Im Kern ist eine Kränkung ein Angriff auf das Selbstbild. Sie entsteht immer dann, wenn eine Diskrepanz zwischen dem Anspruch einer Person („So möchte ich gesehen werden“) und der erfahrenen Realität („So werde ich behandelt“) auftritt.

Die drei Ebenen der Kränkung

Kränkungen lassen sich psychologisch in drei Dimensionen unterteilen:

  • Die soziale Kränkung:
    Missachtung, Ausgrenzung oder Herabsetzung in einer Gruppe (z. B. Mobbing, Ignorieren bei einer Beförderung).
  • Die Beziehungskränkung:
    Vertrauensbruch, Untreue oder Desinteresse durch nahestehende Personen.
  • Die Sachkränkung:
    Kritik an der Kompetenz oder der Leistung, die fälschlicherweise als Angriff auf die gesamte Person gewertet wird.

Warum kränkt uns etwas? (Die Psychodynamik)

Nicht jeder Mensch reagiert auf denselben Reiz gekränkt. Die Intensität einer Kränkung hängt von zwei Faktoren ab:

  1. Die „Wunden Stelle“ (Trigger):
    Kränkungen treffen uns dort am härtesten, wo wir ohnehin unsicher sind. Wer an seinem Intellekt zweifelt, wird eine Korrektur als vernichtend erleben; wer sich seiner sicher ist, sieht sie als sachlichen Hinweis.
  2. Die Abhängigkeit:
    Je wichtiger uns die Meinung der kränkenden Person ist (Partner, Chef, Eltern), desto tiefer sitzt der Stachel.

Der Verlauf einer Kränkung

Reinhard Haller, ein bekannter Psychologe auf diesem Gebiet, beschreibt den typischen Prozess:

Phase Erleben und Verhalten
Verletzung Ein plötzlicher Schock, Sprachlosigkeit, oft körperlich spürbar (Herzrasen, Kloß im Hals).
Rückzug Die betroffene Person zieht sich zurück, grübelt intensiv nach („Warum hat er das getan?“) und isoliert sich emotional.
Racheimpuls Um das verletzte Selbstwertgefühl wieder aufzubauen, entsteht oft der Wunsch nach Vergeltung oder Entwertung des Gegenübers.
Fixierung Die Kränkung wird „konserviert“. Man kann nicht verzeihen und definiert sich über das Opfersein.

Folgen unbewältigter Kränkungen

Wenn Kränkungen nicht verarbeitet werden, können sie schwerwiegende psychische und physische Folgen haben:

Wege aus der Kränkungsfalle

Psychologisch gesehen ist die Überwindung einer Kränkung ein aktiver Prozess der Selbstwert-Stabilisierung:

  • Distanzierung:
    Die Kränkung als das Problem des Senders sehen (z. B. „Er war gestresst und ungerecht, das sagt nichts über meinen Wert aus“).
  • Gefühlsakzeptanz:
    Den Schmerz zulassen, statt ihn sofort in Wut oder Rache umzuwandeln.
  • Sinnstiftung:
    Fragen, was die Empfindlichkeit über die eigenen „wunden Punkte“ verrät, um diese zu heilen.

Merksatz:
Man kann nicht verhindern, dass man gekränkt wird – aber man kann entscheiden, wie lange man gekränkt bleibt.