Ressourcenaktivierung

In der klinischen Psychologie und Psychotherapie beschreibt die Ressourcenaktivierung einen der fünf Wirkfaktoren nach Klaus Grawe. Im Gegensatz zur klassischen Problemorientierung, die nach Defiziten und Störungen sucht, konzentriert sich die Ressourcenaktivierung auf die bereits vorhandenen Stärken, Fähigkeiten, Potenziale und Unterstützungssysteme eines Klienten.

Das Ziel ist es, den Fokus von der „Problemhypnose“ wegzulenken und den Klienten wieder handlungsfähig zu machen, indem er sich seiner eigenen Werkzeuge bewusst wird.

Klassifikation von Ressourcen

Ressourcen sind keine monolithischen Größen; sie werden in der Psychologie meist in zwei Kategorien unterteilt:

Interne (intrapersonale) Ressourcen

Dies sind Eigenschaften, die in der Person selbst liegen:

  • Fähigkeiten und Talente:
    z. B. handwerkliches Geschick, Musikalität, analytisches Denken.
  • Charaktereigenschaften:
    z. B. Ausdauer, Humor, Ehrlichkeit, Empathie.
  • Körperliche Merkmale:
    z. B. Gesundheit, Belastbarkeit, Aussehen.
  • Werte und Überzeugungen:
    z. B. ein starker Glaube, ethische Prinzipien.
  • Frühere Erfolge:
    Die Erinnerung daran, wie man vergangene Krisen bewältigt hat (Resilienz).

Externe (interpersonale/ökologische) Ressourcen

Dies sind Faktoren aus der Umwelt des Klienten:

  • Soziales Netzwerk:
    Familie, Freunde, stabile Partnerschaft, Arbeitskollegen.
  • Materielle Sicherheit:
    Finanzieller Spielraum, eine sichere Wohnung.
  • Interessen und Hobbys:
    Aktivitäten, die Energie spenden (Sport, Natur, Kultur).
  • Institutionelle Hilfe:
    Vereine, Beratungsstellen, medizinische Versorgung.

Der Wirkmechanismus nach Klaus Grawe

Grawe postuliert in seiner Konsistenztheorie, dass psychische Gesundheit davon abhängt, ob ein Mensch seine Grundbedürfnisse (Orientierung, Bindung, Selbstwerterhöhung, Lustgewinn) befriedigen kann.

  • Motivationale Klärung:
    Ressourcenaktivierung hilft dem Klienten zu verstehen, warum er bestimmte Ziele erreichen möchte und welche Kraftquellen ihm dafür zur Verfügung stehen.
  • Problemaktualisierung:
    Das Problem muss in der Therapie zwar präsent sein, aber durch die gleichzeitige Aktivierung von Ressourcen wird die emotionale Belastung reguliert. Der Klient fühlt sich dem Problem nicht mehr schutzlos ausgeliefert.

Techniken der Ressourcenaktivierung

In der therapeutischen Praxis werden verschiedene Methoden angewandt, um verborgene Stärken ans Licht zu bringen:

Das Ressourcen-Interview

Hierbei stellt der Therapeut gezielt Fragen, die nicht auf das Leid, sondern auf das Gelingen fokussieren:

  • „Was ist Ihnen trotz der schweren Phase in der letzten Woche gut gelungen?“
  • „Was schätzen Freunde besonders an Ihnen?“
  • „Wie haben Sie es früher geschafft, ähnliche Herausforderungen zu meistern?“

Die Wunderfrage (nach Steve de Shazer)

Diese Technik aus der lösungsorientierten Kurzzeittherapie bittet den Klienten, sich vorzustellen, ein Wunder sei geschehen und das Problem sei weg:

  • „Woran würden Sie als Erstes merken, dass das Wunder geschehen ist? Was würden Sie dann anders machen?“
  • Dies macht Ressourcen sichtbar, die im aktuellen Problemzustand „verschüttet“ sind.

Ressourcen-Genogramm / Ressourcen-Karte

Visualisierungstechniken, bei denen der Klient seine Kraftquellen aufzeichnet. Dies schafft eine physische Repräsentation der eigenen Stärke, die oft über die Therapiesitzung hinaus wirkt.

Bedeutung bei spezifischen Störungsbildern

  • Depression:
    Hier ist die Ressourcenaktivierung oft lebensnotwendig, da das Krankheitsbild per se den Blick auf Stärken blockiert. Man arbeitet hier oft mit „kleinen“ Ressourcen (z. B. die Fähigkeit, noch einen kurzen Spaziergang zu machen).
  • Traumatherapie:
    Bevor die traumatischen Inhalte bearbeitet werden können, muss eine „Innere sichere Zuflucht“ (Ressource) etabliert werden, um eine Retraumatisierung zu verhindern.
  • Minderwertigkeitsgefühle:
    Hier dient die Aktivierung dazu, das verzerrte Selbstbild durch reale, positive Evidenzen zu korrigieren.

Zusammenfassend ist die Ressourcenaktivierung ist ein zentraler psychotherapeutischer Wirkfaktor, der gezielt die vorhandenen Stärken, Potenziale und sozialen Unterstützungssysteme eines Klienten nutzt, um dessen Selbsthilfefähigkeit zu steigern und die Problembewältigung zu erleichtern.