Stigmatisierung

Die Stigmatisierung beschreibt in der Sozialpsychologie und klinischen Psychologie einen Prozess, bei dem Personen aufgrund eines Merkmals (einer psychischen Störung, einer körperlichen Eigenschaft oder einer Gruppenzugehörigkeit) diskreditiert und von der sozialen Akzeptanz ausgeschlossen werden. Der Begriff leitet sich vom griechischen „Stigma“ (Brandmal) ab und wurde maßgeblich durch den Soziologen Erving Goffman geprägt.

Bei psychischen Erkrankungen wirkt die Stigmatisierung oft als „zweite Krankheit“, die schwerwiegendere Folgen haben kann als die eigentlichen Symptome.

Die drei Ebenen der Stigmatisierung

Die Psychologie unterscheidet drei Dimensionen, wie Stigmatisierung auf das Individuum einwirkt:

1. Öffentliche Stigmatisierung (Public Stigma)

Dies ist die Reaktion der Gesellschaft auf die betroffene Person. Sie besteht aus drei Komponenten:

2. Selbststigmatisierung (Self-Stigma)

Dies ist der gefährlichste Prozess. Betroffene internalisieren die gesellschaftlichen Vorurteile.

  • Der „Why Try“-Effekt:
    Da die Person glaubt, sie sei aufgrund ihrer Störung minderwertig oder unfähig, unternimmt sie keine Versuche mehr, ihre Situation zu verbessern (z. B. Jobsuche oder Therapieaufnahme).
  • Selbstwertverlust:
    Das Minderwertigkeitsgefühl wird durch die Überzeugung zementiert, „beschädigt“ zu sein.

3. Strukturelle Stigmatisierung

Hierbei handelt es sich um institutionelle Benachteiligungen, die oft unbewusst in Gesetzen, Richtlinien oder Budgets verankert sind (z. B. geringere Forschungsgelder für psychische Störungen im Vergleich zu körperlichen Erkrankungen).

Der Prozess der Stigmatisierung nach Link & Phelan

Die Soziologen Bruce Link und Jo Phelan beschreiben Stigmatisierung als ein Zusammenspiel von fünf sozialen Komponenten:

  1. Labeling:
    Ein menschlicher Unterschied wird benannt und hervorgehoben (z. B. „der Schizophrene“ statt „die Person mit Schizophrenie“).
  2. Stereotypisierung:
    Dem Label werden negative Eigenschaften zugeordnet.
  3. Abgrenzung:
    Es entsteht eine „Wir“- vs. „Die“-Trennung (Othering).
  4. Statusverlust:
    Die gelabelte Person verliert an sozialem Ansehen.
  5. Machtausübung:
    Stigmatisierung ist immer an soziale, wirtschaftliche oder politische Macht gekoppelt, die den Ausschluss erst ermöglicht.

Die Folgen für die psychische Gesundheit

Stigmatisierung ist ein massiver Stressfaktor, der bestehende Störungen verschlimmert:

  • Behandlungsverzögerung:
    Aus Angst, als „verrückt“ gelabelt zu werden, suchen Betroffene Hilfe oft erst Jahre zu spät.
  • Sozialer Rückzug:
    Um Enttäuschungen und Abwertung zu vermeiden, isolieren sich Betroffene, was Depressionen und Angststörungen fördert.
  • Verschlechterung der Prognose:
    Soziale Unterstützung ist eine der wichtigsten Ressourcen. Wird diese durch Stigmatisierung entzogen, sinkt die Heilungschance.

Antistigmatisierungs-Strategien

Was kann man psychologisch tun, um Stigmatisierung abzubauen?

  • Protest:
    Öffentliches Aufmerksam-Machen auf Diskriminierung.
  • Aufklärung:
    Vermittlung von Fakten, um Mythen zu ersetzen (z. B. dass Tourette-Tics keine böswillige Absicht sind).
  • Kontakt:
    Die effektivste Methode. Der persönliche Kontakt zu Betroffenen baut Vorurteile am nachhaltigsten ab, da die Person hinter dem Label sichtbar wird.