Identifikation
Identifikation beschreibt in der Psychologie einen mentalen Prozess, bei dem ein Individuum Aspekte, Eigenschaften oder Attribute einer anderen Person, Gruppe oder eines Ideals übernimmt und sich diese ganz oder teilweise zu eigen macht. Im Gegensatz zur bloßen Nachahmung (Imitation) führt Identifikation zu einer dauerhaften Veränderung oder Festigung der eigenen Ich-Identität.
Psychoanalytische Grundlagen
Sigmund Freud führte den Begriff ein, um die Entwicklung des Über-Ichs und die Formung der Persönlichkeit zu erklären. Er unterschied verschiedene Formen:
- Primäre Identifikation:
Die früheste Form der emotionalen Bindung eines Säuglings an eine Bezugsperson (meist die Mutter), noch bevor eine klare Trennung zwischen dem „Selbst“ und dem „Objekt“ existiert. - Sekundäre Identifikation:
Ein Abwehrmechanismus, bei dem das Kind Eigenschaften der Eltern übernimmt, um mit Verlustängsten oder Rivalität umzugehen.- Identifikation mit dem Aggressor:
Ein von Anna Freud präzisiertes Konzept. Um eine Bedrohung zu bewältigen, übernimmt das Individuum die Attribute oder das Verhalten der bedrohlichen Person. Dies transformiert die Angst vor der Ohnmacht in ein Gefühl von Stärke und Kontrolle.
- Identifikation mit dem Aggressor:
- Narzisstische Identifikation:
Das Individuum identifiziert sich mit einem Objekt, das es verloren hat oder das es sein möchte, um das eigene Selbstwertgefühl zu stützen.
Identität in der Sozialpsychologie
In der modernen Sozialpsychologie (insbesondere der Sozialen Identitätstheorie von Tajfel und Turner) ist Identifikation der Schlüssel zur Gruppenbildung.
Die drei Stufen der sozialen Identifikation:
- Soziale Kategorisierung:
Menschen teilen die Welt in „Wir“ (In-Group) und „Die Anderen“ (Out-Group) ein. - Soziale Identifikation:
Das Individuum übernimmt die Normen und Werte der gewählten Gruppe. Das Selbstwertgefühl wird nun direkt durch den Erfolg oder Status der Gruppe beeinflusst. - Sozialer Vergleich:
Die eigene Gruppe wird systematisch aufgewertet, während die Fremdgruppe abgewertet wird, um die eigene Identität zu festigen.
Identifikation in der Entwicklungspsychologie
Hier wird Identifikation als Motor des Lernens und der Sozialisation gesehen. Kinder suchen sich Modellpersonen (Eltern, Lehrer, Idole), die über Ressourcen oder Fähigkeiten verfügen, die sie selbst anstreben.
- Lernen am Modell (Bandura):
Identifikation ist die motivationale Basis dafür, warum wir bestimmte Verhaltensweisen von Vorbildern übernehmen. Wir identifizieren uns eher mit Modellen, die uns ähnlich sind oder die wir bewundern. - Identitätskrise (Erikson):
Im Jugendalter findet eine massive Suchbewegung statt. Jugendliche „probieren“ verschiedene Identifikationen mit Subkulturen oder Ideologien aus, um eine stabile Ich-Identität zu formen und eine Rollenkonfusion zu vermeiden.
Projektive Identifikation (Klinische Psychologie)
Ein komplexerer Begriff aus der Objektbeziehungstheorie (Melanie Klein). Hierbei werden eigene, oft unerträgliche Anteile (z. B. Aggression oder Hilflosigkeit) unbewusst in eine andere Person „hineinprojiziert“.
- Der Empfänger wird unbewusst dazu gedrängt, sich so zu verhalten, wie es der Projektion entspricht.
- Dies tritt häufig in therapeutischen Beziehungen oder toxischen Partnerschaften auf und dient der Entlastung des eigenen Ichs.
Abgrenzung wichtiger Begriffe
| Begriff | Mechanismus | Tiefe der Verankerung |
| Imitation | Kopieren von Verhalten (oberflächlich). | Gering (situativ). |
| Introjektion | Ungeprüfte Aufnahme von Werten/Regeln von außen. | Mittel (oft fremdbestimmt). |
| Identifikation | Integration von Merkmalen in das eigene Selbstbild. | Hoch (identitätsstiftend). |
Zusammenfassung
Identifikation ist der psychologische Prozess, durch den das „Ich“ sich durch die Aufnahme von „Nicht-Ich“-Anteilen konstituiert. Sie dient der Angstbewältigung, der Sozialisation und der Selbstwertregulierung. Ohne Identifikation gäbe es keine stabile Persönlichkeitsentwicklung und keinen gesellschaftlichen Zusammenhalt, doch in ihrer extremen Form (blinde Identifikation) kann sie zur Selbstaufgabe führen.