Selbstsicherheit

Das Konzept der Selbstsicherheit (oft synonym mit Assertivität gebraucht) beschreibt in der Psychologie die Fähigkeit eines Individuums, die eigenen Rechte, Bedürfnisse, Gefühle und Meinungen angemessen zu äußern und gegenüber anderen zu vertreten.

Dabei grenzt sich Selbstsicherheit klar von Aggressivität (die Rechte anderer verletzend) und Unterwürfigkeit (die eigenen Rechte aufgebend) ab. Sie bildet den Verhaltensaspekt des übergeordneten Selbstwertgefühls.

Die drei Säulen der Selbstsicherheit

Selbstsicheres Verhalten setzt sich aus verschiedenen psychologischen Ebenen zusammen, die eng miteinander interagieren:

  • Die kognitive Ebene (Denken):
    Selbstsichere Menschen verfügen über hilfreiche Überzeugungen. Sie gehen davon aus, dass ihre Meinung zählt und dass es legitim ist, Forderungen zu stellen oder „Nein“ zu sagen. Unzureichende Selbstsicherheit geht oft mit dysfunktionalen Kognitionen einher (z. B. „Ich muss von jedem gemocht werden“ oder „Wenn ich widerspreche, gibt es eine Katastrophe“).
  • Die emotionale Ebene (Fühlen):
    Eine angemessene Regulation von Angst und Scham ist entscheidend. Wer durch soziale Ängste blockiert ist, kann theoretisch gewusstes Verhalten nicht umsetzen.
  • Die Verhaltensebene (Handeln):
    Dies umfasst sowohl die verbale Kommunikation (klare Ich-Botschaften) als auch die nonverbale Kommunikation (aufrechter Stand, Blickkontakt, angemessene Lautstärke).

Abgrenzung der Verhaltensstile

In der Verhaltenstherapie wird die soziale Kompetenz oft anhand dieser Matrix unterschieden:

Merkmal Unsicher / Unterwürfig Selbstsicher (Assertiv) Aggressiv
Ziel Konfliktvermeidung Interessenwahrung & Respekt Dominanz & Sieg
Kommunikation Vage, leise, rechtfertigend Klar, direkt, ruhig Laut, fordernd, abwertend
Körpersprache Wenig Blickkontakt, klein Sicherer Stand, Blickkontakt Drohend, distanzlos
Ergebnis Frustration, Ausnutzung Win-Win oder Kompromiss Kurzfristiger Erfolg, Isolation

Psychologische Komponenten des Selbstsicherheitstrainings (GSK)

Das „Gruppentraining Sozialer Kompetenzen“ (GSK) nach Hinsch und Pfingsten ist ein Standardverfahren in der klinischen Psychologie, um Selbstsicherheit zu fördern. Es unterscheidet drei Situationstypen:

1. Recht durchsetzen

Hierbei geht es darum, berechtigte Forderungen zu stellen (z. B. eine Reklamation im Laden). Es erfordert Beharrlichkeit und das Ignorieren von unberechtigten Gegenargumenten.

2. Beziehungen gestalten

In sozialen Kontakten geht es weniger um „Recht“, sondern um Sympathie und Nähe. Selbstsicherheit bedeutet hier, Gefühle zu offenbaren, auf andere zuzugehen oder Kritik konstruktiv zu äußern, ohne die Beziehung zu gefährden.

3. Um Sympathie werben

Die Fähigkeit, Gespräche zu beginnen oder Komplimente zu geben und anzunehmen. Hier ist die Überwindung der Angst vor Ablehnung zentral.

Die Bedeutung von Selbstwirksamkeit

Ein zentraler Begriff im Kontext der Selbstsicherheit ist die Selbstwirksamkeitserwartung (nach Albert Bandura). Sie beschreibt die Überzeugung einer Person, schwierige Situationen oder Aufgaben aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können.

Ursachen für mangelnde Selbstsicherheit

Die Psychologie identifiziert meist eine Kombination aus verschiedenen Faktoren:

  • Erziehungsstil:
    • Überbehütung:
      Ein überbehütender Erziehungsstil führt dazu, dass eigene Lernerfahrungen nicht gemacht werden, da alle Probleme und Konflikte durch die Bezugspersonen aus dem Weg geräumt werden.
    • Autoritäre Erziehung:
      Ein Erziehungsstil, der durch übermäßige Kritik und Abwertung zu einem mangelnden Selbstwertgefühl führt.
  • Soziale Lernerfahrungen:
    Negative Erlebnisse wie Mobbing oder soziale Ausgrenzung in der Schule oder im Beruf.
  • Temperament:
    Biologische Prädispositionen (z. B. eine höhere Reaktivität auf Stressreize).

Zusammenfassend ist Selbstsicherheit die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse und Rechte klar und respektvoll zu kommunizieren, während man gleichzeitig die Grenzen anderer achtet und soziale Ängste konstruktiv bewältigt.