Identifikation mit dem Aggressor
Die Identifikation mit dem Aggressor (engl. Identification with the Aggressor) ist ein psychologischer Abwehrmechanismus, der erstmals von Anna Freud in ihrem Werk „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ (1936) detailliert beschrieben wurde. Er beschreibt den unbewussten Prozess, bei dem ein Opfer die Eigenschaften, Verhaltensweisen oder Werte der Person (des Aggressors) übernimmt, die ihm Angst einflößt oder es bedroht.
Dieser Mechanismus dient dazu, existenzielle Angst zu bewältigen und ein Gefühl der Ohnmacht in ein Gefühl der Kontrolle umzuwandeln.
Der psychodynamische Entstehungsprozess
Aus psychoanalytischer Sicht entsteht dieser Mechanismus als Reaktion auf eine überwältigende äußere Bedrohung oder traumatische Erfahrung.
- Angstverarbeitung:
Anstatt sich der Angst vor dem Aggressor hilflos ausgeliefert zu fühlen, „verschmilzt“ das Ich symbolisch mit ihm. Das Opfer denkt unbewusst: „Wenn ich so werde wie er, kann er mir nichts mehr antun.“ - Verinnerlichung (Introjektion):
Die aggressiven Anteile des Gegners werden verinnerlicht. Das Opfer verwandelt sich von der passiven Position des „Bedrohten“ in die aktive Position des „Bedrohers“ (zumindest in der Fantasie oder gegenüber Dritten). - Verteidigung der eigenen Integrität:
Es ist ein verzweifelter Versuch, psychisch zu überleben, indem man die eigene Schwäche durch die Aneignung von Stärke (des Aggressors) kaschiert.
Beispiele aus verschiedenen Lebensbereichen
Die Identifikation mit dem Aggressor zeigt sich in unterschiedlichsten Kontexten, von der Kindheit bis zur gesellschaftlichen Ebene:
Kindheit und Erziehung
Ein Kind, das von einem Elternteil physisch oder psychisch misshandelt wird, lernt, dass Macht und Gewalt dominieren.
- Verhalten:
Das Kind beginnt, Geschwister oder Schulkameraden in ähnlicher Weise zu tyrannisieren. Es ahmt die Härte des Elternteils nach, um sich nicht mehr schwach zu fühlen.
Traumatisierende Situationen (Geiselnahmen)
Das Stockholm-Syndrom ist eine extreme Form dieses Mechanismus. Geiseln entwickeln positive Gefühle für ihre Entführer und identifizieren sich mit deren Zielen.
- Psychologische Funktion:
In der absoluten Abhängigkeit vom Entführer ist das Überleben davon abhängig, dessen Wohlwollen zu gewinnen. Die Identifikation ist eine Überlebensstrategie.
Soziale Gruppen und Institutionen
In hierarchischen Systemen (z. B. Militär, strenge Internate) können Untergeordnete die herabwürdigende Haltung ihrer Vorgesetzten übernehmen.
- Verhalten:
Der frisch Ausgebildete, der selbst hart schikaniert wurde, schikaniert die nächste Generation genauso hart weiter („Das hat uns auch nicht geschadet“).
Unterscheidung zu ähnlichen Konzepten
Es ist wichtig, die Identifikation mit dem Aggressor von anderen psychologischen Phänomenen abzugrenzen, die oft verwechselt werden:
| Merkmal | Identifikation mit dem Aggressor | Nachahmung (Imitation) | Unterwerfung (Submission) |
| Motivation | Angstabwehr, Ohnmachtsbewältigung | Lernen, Bewunderung | Angst vor Strafe, Überlebenssicherung |
| Bewusstsein | Meist unbewusst | Bewusst oder unbewusst | Bewusst |
| Gefühlslage | Innere Zerrissenheit, Angst | Neutral bis positiv | Angst, Unterwürfigkeit |
Langfristige Folgen
Während der Mechanismus kurzfristig das Überleben sichern kann, führt er langfristig oft zu massiven psychischen Problemen:
- Verfestigung von Persönlichkeitsmustern:
Das Opfer kann selbst zu einem gewalttätigen oder autoritären Menschen werden. - Entfremdung vom eigenen Selbst:
Das Opfer übernimmt fremde Werte und verliert den Zugang zu eigenen Bedürfnissen und Gefühlen. - Traumafolgestörungen:
Die verinnerlichte Aggression kann sich gegen das eigene Ich richten (Autoaggression) und zu Depressionen führen.
Therapeutische Ansätze
Die Therapie zielt darauf ab, den unbewussten Prozess bewusst zu machen und zu lösen:
- Traumaufarbeitung:
Sichere Umgebung schaffen, um den Schmerz und die Angst des ursprünglichen Traumas zu verarbeiten. - Abgrenzung:
Dem Opfer helfen, zwischen sich selbst und dem Aggressor zu unterscheiden („Ich bin nicht er“). - Wiederentdeckung des Selbstwertgefühls:
Eigene Stärken jenseits von Macht und Kontrolle aufbauen.
Zusammenfassung
Die Identifikation mit dem Aggressor ist ein unbewusster psychischer Schutzmechanismus, bei dem Opfer traumatische Angst bewältigen, indem sie die Eigenschaften und Verhaltensweisen ihres Peinigers übernehmen.