Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT)
Die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) ist ein von der deutschen Ärztin und Psychoanalytikerin Luise Reddemann entwickeltes Verfahren zur Behandlung komplexer Traumafolgestörungen.
Im Gegensatz zu klassischen Konfrontationsverfahren steht bei PITT die Selbstheilung, Ressourcenorientierung und die innere Stabilisierung im Vordergrund. Der Ansatz verbindet psychoanalytisches Denken mit imaginativen Techniken (Vorstellungskraft) und kognitiv-behavioralen Elementen.
Die drei Phasen der PITT
PITT folgt einem klassischen Phasenmodell, wobei die Stabilisierung oft den größten Raum einnimmt.
1. Stabilisierungsphase (Zentraler Fokus)
Dies ist das Herzstück der PITT. Bevor an das Trauma gedacht wird, muss der Patient lernen, sich im Hier und Jetzt sicher zu fühlen.
- Distanzierungstechniken:
Übungen wie der „Innere Tresor“, in dem belastende Bilder sicher weggeschlossen werden. - Ressourcenmobilisierung:
Suche nach dem „Sicheren Ort“ in der Vorstellung. - Affektregulation:
Erlernen von Techniken, um aus Zuständen von Übererregung oder Dissoziation zurückzukehren.
2. Trauma-Bearbeitung (Konfrontation in Distanz)
In der PITT wird das Trauma nicht „durchlebt“, sondern „betrachtet“.
- Beobachter-Perspektive:
Der Patient schaut sich das Geschehen wie auf einer Leinwand oder durch eine Glasscheibe an. - Eingreifen der inneren Helfer:
In der Imagination können hilfreiche Gestalten oder das „erwachsene Ich“ dem „traumatisierten Kind-Ich“ zur Hilfe kommen.
3. Integration und Neuorientierung
Hier geht es darum, das Erlebte als Teil der eigenen Geschichte zu akzeptieren, ohne dass es die Gegenwart dominiert. Trauerarbeit und die Entwicklung neuer Lebensperspektiven stehen im Mittelpunkt.
Das Konzept der „Inneren Bühne“ und Anteile-Arbeit
Ein wesentliches Merkmal der PITT ist die Arbeit mit Ego-States (Ich-Zuständen). Reddemann nutzt hierfür das Bild einer inneren Bühne:
- Das erwachsene Ich:
Der Teil des Patienten, der heute im Leben steht und die Therapie steuert. Er übernimmt die Verantwortung für die verletzten Anteile. - Das verletzte Kind-Ich:
Repräsentiert die traumatischen Erfahrungen und die damit verbundenen Gefühle (Angst, Schmerz). - Die helfenden Instanzen:
Imaginierte Figuren (Krafttiere, weise Personen, Lichtgestalten), die dem Kind-Ich Schutz und Trost spenden. - Destruktive Anteile:
Verinnerlichte Täter-Stimmen oder schädigende Verhaltensweisen werden als „Täter-Introjekte“ verstanden, die ebenfalls auf der inneren Bühne moderiert werden müssen.
Wichtig: In der PITT geht es nicht darum, diese Anteile „wegzumachen“, sondern eine respektvolle und fürsorgliche Beziehung zwischen dem erwachsenen Ich und den traumatisierten Anteilen aufzubauen („Innere Grundhaltung der Achtsamkeit und des Mitgefühls„).
Vergleich: PITT vs. klassische Trauma-Exposition
| Merkmal | PITT | Klassische Exposition (z.B. Prolonged Exposure) |
| Vorgehen | Imaginativ & Distanzierend | Direkt & Konfrontierend |
| Ziel | Selbstberuhigung & Integration | Gewöhnung (Habituation) an den Reiz |
| Kontrolle | Patient steuert die Distanz jederzeit | Fokus auf dem Halten der Belastung |
| Eignung | Besonders bei komplexen Traumata (C-PTSD) | Oft bei Monotraumata |
Grundpfeiler der therapeutischen Haltung
In der PITT begegnet der Therapeut dem Patienten mit einer „Haltung des Nicht-Wissens“ und extremer Wertschätzung. Der Patient wird als Experte für sein eigenes Überleben angesehen. Jedes Symptom (auch SVV oder Dissoziation) wird zunächst als ein früherer, lebensnotwendiger Überlebensversuch gewürdigt, bevor nach gesünderen Alternativen gesucht wird.